Jonas
Donnerstag, 28. August 2025 07:13
Schlachthaus
Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Schlachthaus
Jonas: So fangen die meisten meiner Fälle an: Ein Typ sitzt in meinem Büro, rutscht auf dem Stuhl rum, und weiß nicht so recht, ob er mir überhaupt erzählen soll, weshalb er gekommen ist. Wie gesagt, so fangen die meisten meiner Fälle an. Dieser nicht.
Oberkellner: Darf ich Ihnen jetzt die Speisekarte vorlegen, mein Herr?
Jonas: Ich warte noch.
Oberkellner: Gestatten Sie mir die Bemerkung, mein Herr, Sie warten bereits eine halbe Stunde. Wenn Sie schon nicht essen wollen, dann vielleicht wenigstens noch einen Whiskey?
Jonas: Danke. Wissen Sie, falls meine Verabredung nicht kommt, muß ich die Rechnung selber zahlen. Und bei Ihren Preisen.
Oberkellner: Verstehe. In diesem Fall muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß Ihr Tisch benötigt wird.
Jonas: Ach, wann?
Oberkellner: In wenigen Minuten, mein Herr, praktisch sofort.
Jonas: Dieser Fall fing damit an, daß ich auf dem Stuhl rumrutschte. Und nicht bei mir im Büro. In einem Lokal. Nicht in irgendeinem Lokal. Das Escargot war ein feines Lokal. So fein, daß es sich sogar einen menschlichen Oberkellner leistete. Nicht das richtige Ambiente für Jonas. Der ist eher an den Fressomaten um die Ecke gewöhnt. Datum der Rutscherei, nicht daß es irgendwie wichtig wäre, 20. September 2009.
Oberkellner: Darf ich Sie bitten, auszutrinken, mein Herr.
Jonas: Sie schmeißen mich raus.
Oberkellner: Wenn Sie es so auszudrücken wünschen, mein Herr.
Brendel: Jonas, nehm ich an.
Oberkellner: Sie sind mit diesem, diesem Herrn verabredet, Herr van...
Brendel: Pst. Pst. Josef. Keine Namen. Bringen Sie mir ein Glas Wasser. Und die Speisekarte.
Oberkellner: Glas Wasser, Speisekarte, sehr wohl, Herr äh...
Brendel: Pst. Sie sind pünktlich, Jonas. Das freut mich.
Jonas: Sie sind unpünktlich. Und Sie haben mir am Fon einen falschen Namen genannt. Sie heißen nicht Pankreas.
Brendel: O nein, zum Glück nicht.
Oberkellner: Das Glas Wasser, bitteschön, die Speisekarte, Herr...
Brendel: Pst. Hechtklößchen. Lammrücken. Trodosie. Alles synthetisch natürlich, aber ich versichere ihnen, so ausgezeichnet zubereitet, daß Sie den Unterschied kaum spüren. Walsteak a la Ninive. Wäre das nicht was für Sie, Jonas?
Jonas: Witzig. Wünsche guten Appetit.
Brendel: Aber mein Bester, nicht gehen. Bitte. Sie müssen mich verstehen. Ich bin ein bißchen nervös. Und vorsichtig. Mit Menschen Ihres Schlages habe ich mich noch nie abgeben müssen.
Jonas: Das wäre auch unwahrscheinlich gewesen. Ich bin nämlich der letzte. Der letzte Privatdetektiv. Und der einzige. Wenigstens in Babylon. Konkurrenzlos. Ein aussterbender Beruf. Wer braucht schon einen Detektiv?
Brendel: Ich. Ich brauche einen. Einen Privatdetektiv. Tüchtig. Diskret.
Jonas: Möglichst stubenrein.
Brendel: Und nicht all zu vorlaut. Unter welchem Sternbild sind Sie geboren, Jonas?
Jonas: Stier. Warum?
Brendel: Ich bin Krebs. Ich bin Krebs, und ich habe Krebs. An der Bauchspeichel-drüse. Deshalb mein Pseudonym, Pankreas. Bauchspeicheldrüse. Verstehen Sie?
Jonas: Er war ein Witzbold. An der Oberfläche. An der gut frisierten, mani- und pedikürten, nach letzter Mode drapierten und bemalten Oberfläche. Darunter hatte er scheußliche Angst.
Brendel: Ich muß eine neue haben. Eine neue Bauchspeicheldrüse. Dringend.
Jonas: Und wo ist der Haken?
Brendel: Tja, kurz gesagt, ich habe den falschen Beruf.
Jonas: Was machen Sie?
Brendel: Ich bin Psychagoge.
Jonas: Welche Richtung? Kl***sch, anal, para, meta, hypo?
Brendel: Para. Meine Spezialität ist der Tarot. Aber ist stelle auch Horoskope. Eurasisch, chinesisch, kalifornisch, wie Sie wollen.
Jonas: Parapsychagoge. Dann ist Ihr sozialer Nützlichkeitsstatus so um die 2 oder 3.
Brendel: 2, 25. Genau.
Jonas: Nur ein Ideechen besser als ein Privatdetektiv. Sie stehen also auf Orgalist ganz unten.
Brendel: Und wenn ich dran bin mit der Zuteilung, dann brauch ich keine Bauchspeicheldrüse mehr, dann bin ich schon längst in der Vase.
Jonas: Vermutlich.
Brendel: Nun ist aber andererseits die Parapsychagogie recht lukrativ, darum habe ich mir überlegt, ich meine, ich dachte, da gibt es doch so was wie, ich meine, ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll...
Jonas: Er war so mysteriös wie ein gelöstes Kreuzworträtsel. Sehr schön. Merken. Fürs Poesiealbum des Detektivs.
Jonas: Sagen Sie einfach Schwarzmarkt. Schwarzer Organmarkt.
Brendel: Genau. Das meine ich. Aber weil ich mich in solchen Sachen überhaupt nicht auskenne...
Jonas: Soll ich Ihnen ein Organ organisieren.
Brendel: Köstlich. Sie haben den Nagel mitten ins Gesicht getroffen. Scherz beiseite. Sie, Jonas, besorgen mir eine Bauchspeicheldrüse. Wie immer. Wo immer. Keine Fragen. Keine Probleme. Sie liefern. Ich zahle. Jeden vernünftigen Preis. Und ihr Honorar natürlich.
Jonas: 80 Euros pro Tag und Spesen.
Brendel: Nicht gerade wenig. Was tun Sie dafür?
Jonas: Nicht gerade wenig. Alles, was ich mit meinem Gewissen vereinbaren kann.
Brendel: O, Sie haben ein Gewissen? Wie entzückend altmodisch. Und, können Sie?
Jonas: Kann ich was?
Brendel: Meinen Auftrag mit Ihrem Gewissen vereinbaren?
Jonas: Im Prinzip, ja. Nicht 100-prozentig, aber 90 Prozent waren ja auch nicht so schlecht. Wenn ich auf dem Schwarzmarkt eine Bauchspeicheldrüse auftrieb, dann schadet dies schließlich keinem, dachte ich, im Gegenteil. Ich rettete dem pseudonymen Herrn Pankreas das Leben. Geld brauchte ich auch, ich brauche immer Geld. Also ja, dachte ich. Aber ich sagte nicht ja. Noch nicht.
Jonas: Ich werde es mir überlegen. Wissen Sie, ich bin auch vorsichtig. Mit Leuten Ihres Schlages halte ich mich ein bißchen zurück. Ich rufe Sie an, heute noch.
Brendel: Sie wissen doch gar nicht, wer ich bin.
Jonas: Ich bin Detektiv.
Jonas: Das verschlug ihm den Appetit, und er ging. Leicht verstört. Ich wartete noch einen Moment. Ich hatte meine Gründe.
Oberkellner: Sie gestatten, daß ich abräume, mein Herr.
Jonas: Wer war das?
Oberkellner: Der Herr, mit dem Sie verabredet waren? Bedaure, mein Herr. – Ein ganzer Euro? Vielen vielen Dank, mein Herr, aber ich bin nicht bestechlich. Außerdem hat Herr... die Rechnung bereits beglichen. In äußerst großzügiger Weise.
Jonas: Sie irren sich, alter Freund, das ist keine Bestechung und auch kein Trinkgeld.
Oberkellner: Sondern?
Jonas: Kaufpreis. Für das hier. Mehr ist es sicher nicht wert.
Oberkellner: Mein Herr, erlauben Sie. Sie können doch nicht einfach ein Glas einstecken.
Jonas: Das Wasserglas, aus dem Pankreas getrunken hatte. Voller Fingerabdrücke und Speichelspuren. Die Visitenkarte meines Auftraggebers. Ich war ein gebranntes Kind. Gerade in letzter Zeit hatte ich ein paar Fälle erlebt, in denen die Auftraggeber versucht hatten, mich reinzulegen. Aber hier war, wie es aussah, alles OK. Vorläufig.
Sam: Hinterlasser der Fingerabdrücke bzw. Speichelspuren heißt Julian van Brendel. Bürgernummer 77 M 03 03 1961.
Jonas: Beruf?
Sam: Parapsychagoge.
Jonas: Status?
Sam: 2,25, o Stern von Bethlehem.
Jonas: Ich darf vorstellen. Computer, Typreihe Doktor, Versuchsmodell Chrysostomus, McCoy Incorporated, Baujahr 2005, Rufname Sam. Fähigkeiten: fast unbegrenzt. Fehler: nur einer. Sam leidet an verbaler Überfütterung. Er hat zu viele Sprachprogramme im Speicher, und er kommt damit nicht so richtig klar. Ansonsten ist er ein Goldstück. Wenn man sich an seine Ausdrucksweise gewöhnt hat. Und das ist nicht leicht.
Jonas: Jonas hier, ich übernehme den Auftrag, Herr van Brendel, die Bedingungen kennen Sie, ich rufe Sie wieder an. – Hoffentlich bald. Wie kriege ich möglichst schnell einen Fuß in den schwarzen Organmarkt, Sam?
Sam: Keinesfalls über die normalen Datenbänke, euer Wohlerzogenheit. Da in den selben keinerlei Informationen in Bezug auf illegale Praktiken zu finden sein dürfte.
Jonas: Weiß ich selbst, Sam. Dazu brauche ich keinen Computer. Also hintenrum.
Sam: Jawohl, Chef, von hinten durch die Brust ins Auge, haha.
Jonas: Ebenfalls Haha. Frage: wie?
Sam: In der Tat, Prinz Eisenherz, dies ist die Frage.
Jonas: Wie wäre es denn mit der HyPo?
Sam: Darf ich euer Lordschaft zu dero fast überirdischer Auffassungsgabe beglückwünschen. Die Sache hat nur einen ganz ganz kleinen Haken: Den Code für die Datenbank der Hygiene-Polizei kenne ich zu meinem Bedauern nicht.
Jonas: Du nicht, Sammy, aber ich kenne.
Sam: Sie Meister? Kann ich es glauben?
Jonas: Laß mich doch ausreden. Ich kenne jemand, der ihn kennt.
Sam: Diese Frau?
Jonas: Ganz recht, Sam. – Hallo, Judith.
Jonas: Judith hatte ich vor einem halben Jahr kennen gelernt. Beim Testmarktfall. Als ich mich zum ersten Mal mit Frau Professor Caligari anlegte. Oder Caligari mit mir, wie man’s nimmt. Judith war meine Klientin, und wurde meine z.B., meine zeitweilige Beziehung. Ob das ein Gewinn für sie ist, weiß ich nicht. Bei der Testmarktsache hat sie 100.000 Euros k***ert, und das war ein Gewinn. Judith ist beim Ministerium für Statistik und Soziographie. In höherer Position. Sie weiß deshalb mehr als andere. Für einen Detektiv kann das ab und zu nützlich sein.
Judith: Wir sind verabredet, Jonas. Heute Abend im Freiluftpark.
Jonas: Ja, hör mal Judith.
Judith: Ich muß dir was erzählen. Ich soll befördert werden.
Jonas: Schön für dich. Ich hab ein kleines Problem.
Judith: Ich müßte mich allerdings versetzen lassen zur Abteilung Öffentliche Sicherheit.
Jonas: Zur Polizeiverwaltung?
Judith: Ja. Ja.
Jonas: Tu das Judith.
Judith: Ich weiß nicht so recht.
Jonas: Aber sicher. Was meinst du, wo du dann erst überall rankommst. Apropos.
Judith: Du denkst nur an dich, Jonas.
Jonas: Ich denke an meine Fälle, das ist was anderes. Sag mal, Judith, wo würdest du hingehen, wenn du eine neue Bauchspeicheldrüse brauchst?
Judith: Wieso?
Jonas: Illegal, meine ich.
Judith: Du brauchst keine neue Bauchspeicheldrüse, du brauchst ein neues Herz. Und eine neue Beziehung.
Jonas: Trotzdem hat sie mich eine Stunde später angerufen, und mir eine Adresse gegeben.
Judith: After Eight. Das ist eine Bar am oberen Markgrafenboulevard. Der Besitzer heißt Guttapercha. Archimedes Guttapercha.
Jonas: Guttapercha. Weißt du, Judith, unsere Verabredung heute Abend.
Judith: Fällt aus. Alles fällt aus. Bis auf weiteres.
Jonas: Ich hatte das dringende Gefühl, ich sollte über Judith und über mich, und über uns beide mal gründlich nachdenken. Später. Julian van Brendel wartete auf seine Bauchspeicheldrüse. Und ich mußte zum oberen Markgrafenboulevard.
Barkeeper: Was trinken Sie?
Jonas: Whiskey.
Barkeeper: Synth oder echt?
Jonas: Sie haben echten?
Barkeeper: Was Sie wollen. Schottischen. Irischen. Bourbon. 25 Euros.
Jonas: In letzter Zeit verkehrte Jonas vorwiegend in besseren Kreisen. Da wo das Leben furchtbar teuer ist, und ungeheuer exklusiv. Ich bestellte einen doppelten Synth. Der Barkeeper goß ein und verachtete mich. So sehr, daß er mich überhaupt nicht mehr zur Kenntnis nahm. Ich ging auf Wanderschaft. Durch die Hintertür, an der Privat dranstand, über einen Flur, zu einer angelehnten Tür, hinter der jemand am Bildfon sprach. Durch den Türspalt hörte ich ein bißchen mit.
Guttapercha: Nur eine kurze Verzögerung, Frau Professor. Ein, zwei Tage höchstens. Gegen Sturm kann man nichts machen. Sturm ist höhere Gewalt.
Caligari: Das interessiert mich nicht. Wir haben einen Vertrag.
Guttapercha: Ja selbstverständlich, Frau Professor, aber.
Caligari: Alles ist präpariert. Ich muß die Ware haben. Jetzt. Sobald sie in Babelshafen ausgeschifft wird.
Guttapercha: Ja, laß ich sie auf schnellstem Wege zu Ihnen ins Krankenhaus bringen, Frau Professor.
Jonas: Frau Professor, und diese Stimme? War das nicht... Tatsächlich, Frau Professor Caligari. Ich konnte sie deutlich erkennen durch den Türspalt, auf dem Monitor des Bildfons. Was hatte die Chefin von ZIP, vom Zentralinstitut für Populationsforschung, in meinem neuen Fall zu suchen? Das gefiel mir gar nicht.
Caligari: Also, Guttapercha, ich verlaß mich auf Sie. Und wehe Ihnen, wenn ich mich irre.
Guttapercha: Jawohl, Frau Professor, selbstverständlich, Frau Professor. Widerliches Weib. – Ja, kommen Sie rein, die Tür ist auf. – Was wollen Sie?
Jonas: Eine Bauchspeicheldrüse kaufen.
Guttapercha: Und wer sind Sie?
Jonas: Jemand, der `ne Bauchspeicheldrüse kaufen will. Und bar bezahlen.
Guttapercha: Sie haben Pech.
Jonas: Wieso? Bin ich falsch bei Ihnen?
Guttapercha: Nein, bei mir kriegen Sie jedes gewünschte Organ. In bestem Zustand. Bei mir. Nur bei mir.
Jonas: Wo liegt das Problem?
Guttapercha: Es ist nichts da. Alles ausverkauft. Ich warte auf neue Ware. Kann jeden Moment kommen. Rufen Sie mich morgen an. Und jetzt raus mit Ihnen. Falls Sie nicht lesen können, an der Tür da vorn steht privat. Raus mit Ihnen, hab ich gesagt.
Jonas: Noch eine Frage: Mit wem haben Sie eben foniert?
Guttpercha: Meine Assistenten, Mr. Crap und Mr. Turt. Und der Typ hier ist ein neugieriger Zeitgenosse, der zu viele Fragen stellt. Ihr begleitet ihn zur Straße.
Mr. Crap: Friedlich, Chef?
Guttapercha: Wenn er friedlich ist.
Mr. Crap: Alles klar, Chef. Kommen Sie mit.
Jonas: Die beiden sogenannten Assistenten mit den ansprechenden Namen setzten mich freundlich vor die Tür. Und weil es spät war, und ich nichts Besseres vorhatte, ging ich nach Hause. Apartment plus Büro, 22 Quadratmeter. Trautes Heim. Ich dachte nach. Welche Verbindung bestand zwischen einer mächtigen Geheimorganisation wie ZIP und dem schwarzen Organmarkt? ZIP wollte das Überbevölkerungsproblem beseitigen, in dem es die Bevölkerung beseitigte. Wenigstens teilweise. Und der Schwarzmarkt tat genau das Gegenteil. Ich sah nicht durch. Und Sam auch nicht. Unzureichende Daten. Das sagt er immer, wenn er keine Ahnung hat. Am nächsten Morgen rief ich Guttapercha an.
Guttapercha: Problem inzwischen bereinigt. Ihre Bauchspeicheldrüse ist da.
Jonas: OK, ich komm gleich rüber.
Guttapercha: Nein, morgen Vormittag.
Jonas: Warum soll ich solange warten?
Guttapercha: Weil ich es sage.
Jonas: Merkwürdig. Aber wie auch immer. Offensichtlich ist neue Ware eingetroffen. In Babelshafen. Das heißt, übers Meer. Und das heißt.
Sam: Mit dem Schiff, Herr und Meister.
Jonas: Wenn ich dich nicht hätte, Sammy. Sieh doch spaßeshalber mal nach, was für Schiffe zwischen gestern Abend und heute früh in Babelshafen eingelaufen sind.
Sam: Piep. Nur ein einziges, o Großadmiral der sieben Meere. Der Superkühlfracht-segler El Präsidente Tabasco. Aus Costaguana. Um 18 Stunden verspätet. In aller Wahrscheinlichkeit handelt es sich hierbei um das Transportmittel der schwarzen Organe.
Jonas: Ich will’s genau wissen, Sam. Mach ne Querverbindung. Landungen dieses Kühlschiffs aus Costaguana, sagen wir, im letzten Jahr, und Aktivität auf dem schwarzen Markt. Du hast doch jetzt den Hypo-Code von Judith.
Sam: Aye Aye Sir.
Jonas: Ergebnis: Einen Tag nach Einlaufen der Präsidente Tabasco brach auf dem Schwarzmarkt munteres Treiben aus. Jedesmal. Die Sache war klar. Aber ich wollte es noch genauer haben.
Jonas: Und jetzt noch ein kurzer Blick in die Frachtpapiere. – Ja was ist, Sam?
Sam: Einen Augenblick Geduld, erhabener Hafenkommandant. Piep. Piep. Information nicht zugänglich.
Jonas: Nanu.
Sam: Höchste Geheimstufe. Unbekannter Code. Und Aua.
Jonas: Was hast du, Sammy? Was ist p***ert?
Sam: Ein elektronischer Hinterhalt. Infro-Anfrage wurde abgefangen und zurückverfolgt.
Jonas: Sicher, Sam?
Sam: Leider ja, Wahna. Sam zerknittert, Wahna. Erwischt auf falschem Fuß. Sam glauben nur Routine, Wahna. Sam können nicht ahnen großes Geheimnis im Busch.
Jonas: Krieg dich wieder ein, Sammy. P***ert ist p***ert.
Jonas: Knappe 24 Stunden später tanzte ich im After Eight an, um dort meine Drüse abzuholen. Ober-Organu Guttapercha steckte 3000 Euros ein, drückte mir einen Kühlbehälter in die Hand, und damit wollte ich gleich zu van Brendel, wie es sich gehört für einen braven Privatdetektiv.
Guttapercha: Sie bleiben noch einen Moment hier, Jonas.
Jonas: Danke, ich hab’s eilig. Ich möchte nichts trinken.
Guttapercha: Zu trinken kriegen Sie auch nichts. Sie kriegen was anderes. Nämlich das!
Jonas: Ah!
Jonas: Ehe ich was unternehmen konnte, hatten sie mich schon fest im Griff. Die Herren Crap und Turt.
Guttapercha: Ich habe es Ihnen schon mal gesagt, Jonas. Sie sind zu neugierig, Sie und Ihr gottverdammter Computer. Sie interessieren sich für Sachen, die gefährlich sind. Sehr gefährlich.
Jonas: Das, das war wirklich reine Neugier. Nichts Ernstes.
Guttapercha: Wissen Sie was, Jonas, das glaube ich Ihnen sogar. Ich gebe Ihnen einen Rat. Vergessen Sie die Präsidente Tabasco und alles was damit zusammenhängt.
Jonas: Aber gerne, schon vergessen.
Guttapercha: Ob ich Ihnen das auch so ohne weiteres glauben kann. Sicherheitshalber werden wir Ihnen eine kleine Erinnerung mit auf den Weg geben, ein Denkzettel, wie man so sagt. Wenn ich bitten darf, Mr. Crap, Mr. Turt.
Mr. Crap: Jawohl, Chef.
Guttapercha: Langsam, haut ihn nicht gleich zum Krüppel. Denkzettel habe ich gesagt, eine freundschaftliche Abreibung, mehr nicht.
Mr. Crap: Schade.
Jonas: Nach der Abreibung ließen sie mich laufen. Mit der Bauchspeicheldrüse. Laufen konnte ich noch, und auch sonst war ich noch einigermaßen beieinander. Kleinere Betriebsunfälle steckt Jonas weg, ohne mit der Wimper zu zucken. Nachdem ich mich mit einem dreistöckigen Whiskey erfrischt hatte, rief ich meinen Auftraggeber an, und bestelle ihn zu mir.
Jonas: Bitte sehr. Einmal Pankreas on the rocks.
Brendel: Wunderbar, ganz wunderbar. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin. Hatten Sie Schwierigkeiten?
Jonas: Ein bißchen.
Brendel: Aber das hat Sie nicht abgehalten. Sie nicht. Sie haben die Sache großartig gemacht, Jonas. Wie, will ich gar nicht wissen. Was kriegen Sie?
Jonas: Insgesamt drei Tage zu je 80 Euros, das macht, äh... äh Sam?
Sam: Äh, äh, 240 Euros, o Gaus, Euklid nebst öh, Einstein. Plus 270 Euros Spesen, welche sich zusammensetzen wie folgt.
Brendel: Nicht nötig, geschenkt. Mein Computer wird Ihrem Computer den Betrag sofort gutschreiben. Dazu einen Bonus von 300 Euros, weil Sie so tüchtig waren, und so fix.
Jonas: Na bitte. Es gab eben noch wahre Dankbarkeit unter den Menschen. Ich war um runde 600 Euros reicher. Und das wär’s gewesen. Aber ich war nicht nur reicher, ich war auch stur. So stur wie der alte Phil Marlowe. Mindestens. Für mich war die Sache noch nicht zu Ende.
Sam: Costaguana, o starker Atlas, der du die Welt weder auf den Schultern trägst noch im Kopfe, Costaguana ist ein kleiner Staat in Zentralamerika. Eine sogenannte Bananenrepublik. Bevölkerung: ca. 23 Millionen. Export tropische Früchte. Keine Industrie. Regierungsform: Präsidentschaft ohne Parlament.
Jonas: Besondere Kennzeichen: keine. Und da kommen also Organe für unseren schwarzen Markt her, in Mengen. Interessant. Was hätte Marlowe in meinem Fall gemacht, Sam?
Sam: Nachgehakt, Chef, nachgebohrt.
Jonas: Dann bohren wir doch mal ein bißchen. Wieviel habe ich auf dem Konto?
Sam: 1102 Euros, o du mein Nabübchen.
Jonas: Soviel?
Sam: Die Abfindung im Reservatsfall ist noch immer nicht zur Gänze ausgegeben, o König Midas, oder meine ich Krösus?
Jonas: A ja. Das dürfte reichen, Sammy.
Sam: Wofür, euer Wohlhabenheit?
Jonas: Costaguana. Hin und zurück.
Sam: Nie im Leben, Kumpel. Schon der einfache Flug mit Chemorock.
Jonas: Chemorock. Wer spricht denn von Chemorock. Bin ich Millionär? Schiff, Sammy, Lastensegler. Damit fahren wir rüber nach Costaguana, und sehen uns da mal ein bißchen um. Und wenn bei der Organgeschichte nichts rauskommt, dann machen wir vielleicht ein paar Tage Urlaub.
Sam: Urlaub. Blauer Himmel. Weißer Sand. Grüne Palmen.
Jonas: Meinst du, so was gibt’s noch in Costaguana?
Sam: In der Sonne liegen. Im Meer baden.
Jonas: Baden. Im Meer. Jetzt spinnst du aber wirklich, Sam. Wir leben doch nicht mehr im 20. Jahrhundert. Zurück in die Gegenwart, m*** m***.
Sam: Jawohl, Herr General. Erlaube mir den Hinweis, als eines von nur noch drei Ländern auf dieser unserer Erde, huldigt Costaguana dem atavistischen Visumzwang. Derohalb und Dessentwegen.
Jonas: Werden wir ein Visum beantragen müssen, Sam. Wo?
Sam: Im Costaguanesischen Generalkonsulat zu Babelshafen, Exzellenz.
Jonas: Ich rief an, und erfuhr, ich müßte mir das Visum persönlich abholen. Also auf nach Babelshafen. Mit der Druckluftpost im Metallzylinder, auch bekannt als Sardinenbüchse. Weil jeder Passagier sich auf nur einem viertel Quadratmeter einrichten muß. 10 Minuten zischten wir durch die Röhre. Und ich war da. In Babylons Tor zur Welt. Am Ufer des nordischen Meerbusens. Die übliche Hafen-Atmosphäre. Wellen und Wind. Die Silhouetten der riesigen computergesteuerten Frachtsegler an den Kais. Nur die Möwen fehlten. Die Kneipen voll von leichten Mädchen und leichten Jungs für Seemänner und Seefrauen. Irgendwo dazwischen lag das Generalkonsulat von Costaguana. Und hier sah sich der Typ hinter dem Schreibtisch meine Bürgerkarte an, als hätte ich ihm einen abgelaufenen philippinischen Paß in die Hand gedrückt.
Konsulatsbeamter: Jonas, hhm. Leider kann Ihnen das Visum nicht sofort ausgestellt werden, Senior, eine technisch bedingte Verzögerung. Sie verstehen.
Jonas: Nein. Wann kann ich das Visum kriegen. Maniana?
Konsulatsbeamter: Ich bitte Sie, Senior. Nur ein paar Minuten. Wenn Sie solange im Nebenzimmer Platz nehmen würden. Die rechte Tür.
Jonas: Ah!
Jonas: Die Sonne machte einen jähen Kopfsprung hinter den Horizont, der Mond raste über den Himmel, die goldenen Sternlein prangten, es wurde plötzlich Nacht, und ich legte mich zur Ruhe. Irgendein Zeitgenosse hatte mir ein höchst wirksames Schlafmittel über den Schädel gezogen. Als ich aufwachte, war es immer noch Nacht. Der Mond schien, das Meer rauschte, und die ganze friedliche Stimmung hatte nur einen Schönheitsfehler. Um mich herum standen die Herren Crap, Turt und Guttapercha. Letzterer hielt einen Laserstrahler in der Hand, die Mündung auf meinem Magen gerichtet. Als ich das im Schein der trüben Hafenfunzeln sah, machte ich die Augen ganz schnell wieder zu.
Mr. Crap: Und was nu, Chef?
Guttapercha: Was schon? Weglasern. Dann ins Wasser mit dem Kerl. Der macht uns keine Schwierigkeiten mehr.
Mr. Crap: OK, Chef, Sie haben den Laser.
Guttapercha: Ich? Also, vielleicht macht das doch besser einer von euch. Crap?
Mr. Crap: Wie Sie wollen, Chef. Dann schmeißen Sie das Ding mal rüber.
Jonas: Mein Stichwort. Ich kam hoch, und bevor die drei was mitkriegten, hatte ich den Laser in der Hand. Amateure. Das heißt, Crap und Turt waren immerhin soweit Experten, daß sie sich ganz schnell in die Büsche schlugen. Guttapercha wollte auch, aber er war ein bißchen zu lahm. Und weil ich gerne einen der Brüder dabehalten hätte, um ihn auszuquetschen, schickte ich ihm einen Laserstrahl nach. Das Knie war gemeint, aber ich war noch nicht voll da, und traf ihn einen guten Meter höher. Guttapercha fiel um, und als ich bei ihm war, lebte er nicht mehr. Ich sah mich um, keiner da, um so besser. Ich räumte ihm die Taschen aus, und dann, was sollte ich machen, rollte ich ihn ins Wasser.
Sam: Die Affäre, o Poposeidon, nimmt ungeahnte, und wie zu bemerken ich mich nicht enthalten zu können glaube, höchst gefährliche Dimensionen an.
Jonas: Sam hatte ich bei mir. Sam habe ich immer und überall bei mir. Natürlich nicht den großen Kasten, der im Büro steht, sondern Sam zwo oder auch Pocket-Sam. Ein Ableger im Miniformat. Guter Rat in jeder Lage, und Gesellschaft dazu.
Jonas: Irgendwer hat irgendwas zu verbergen.
Sam: Und scheut, wie es scheint, selbst vor Mord nicht zurück.
Jonas: Wenn schon. Jetzt erst recht.
Sam: Leicht gesagt, wie wollen Durchlaucht nach Costaguana kommen ohne Visum?
Jonas: Sieh mal an. Ein Dauervisum für Costaguana, ausgestellt auf Archimedes Guttapercha. Schade, daß ich dem Kerl gar nicht ähnlich sehe. Das Holobild läßt sich nicht ändern, leider.
Sam: Das Holobild nicht, wohl aber dero Antlitz.
Jonas: Mein Gesicht? Plasti-Face meinst du?
Sam: Natürlich, Genosse. Andererseits aber auch wieder nicht natürlich, da für euer Gnaden Geldbeutel viel zu teuer.
Jonas: Tja, Sammy, du weißt eben doch nicht alles.
Sam: Wie darf ich das verstehen?
Jonas: Wir haben Bargeld, Sam. Der gute alte Guttapercha, möge er in Frieden schwimmen, hatte einen ganzen Tausender in der Tasche, welchen einem guten Zweck zuzuführen ich nicht zögern werde.
Sam: Majestät wollen sich gesichtsmäßig in Guttapercha umwandeln?
Jonas: Wenn’s zur Wahrheitsfindung beiträgt.
Sam: Amen.
Jonas: In Babelshafen gibt es alles. Auch einen Plasti-Face-Shop, direkt neben dem letzten, in Ehren ergrauten Tätowierer, dem ich im Vorbeigehen einen freundlichen Gedanken widmete. Von Kollege zu Kollege sozusagen.
Angestellte: Ein anderes Gesicht, der Herr? Warum nicht? Öfter mal was Neues, sagten schon unsere Großeltern. Und wie wünschen Sie?
Jonas: So. Wie auf diesem Holo.
Angestellte: Hmh. So wollen Sie aussehen? Wirklich? Unter uns, also ich würde an Ihrer Stelle dann doch lieber das Gesicht behalten, das Sie jetzt auf dem Hals tragen. Nein? Na gut, es ist Ihr Bier und unser Geschäft. Wann paßt es Ihnen?
Jonas: Sofort.
Angestellte: Wollen mal sehen. Ja, zufällig ist ein Platz im Tank frei. Legen Sie ab.
Jonas: Die Prozedur war kurz, teuer und schmerzlos. Ich stieg in den Elektro-Plastik-tank als Jonas, und als ich rauskam war ich, vom Hals ab aufwärts, Archimedes Guttapercha. Mir blieb auch nichts erspart. Ich nahm mir vor, eine Zeit lang nicht in den Spiegel zu kucken. Mit dem neuen Gesicht und mit dem Visum kriegte ich ohne Schwierigkeit ein Ticket nach Costaguana. Ich mußte mich beeilen. Die Präsidente Tabasco wollte gleich ablegen. Vorher rief ich vom Kai aus in Babylon an.
Judith: Hier spricht die automatische Fonbeantwortung Judith Delgado. Sie hören eine Aufzeichnung. Durch einen beruflichen Wechsel bin ich zur Zeit stark in Anspruch genommen und daher vorläufig nicht zu erreichen. Hinterlassen Sie bitte eine Nachricht. Bitte sprechen. Bitte sprechen.
Jonas: Auch Jonas können die Worte fehlen. Meist gerade dann, wenn er sie händeringend braucht. Nichts zu machen. Aufbruch ohne Abschied ist sowieso besser. El Präsidente Tabasco landete pünktlich in El Dorado, der Haupt-, Hafen- und überhaupt einzigen Stadt von Costaguana. Und der Mann mit Guttaperchas Gesicht wurde empfangen wie ein Staatsgast.
Posada: Senior Archimedes Guttapercha, Oberstleutnant Elena Posada, Adjutantin erster Klasse bei seiner Erhabenheit, dem Präsidenten.
Jonas: Tante Gusto Tenjente, stehen Sie bequem.
Posada: Ich habe die Ehre, Sie in Ihr Hotel zu begleiten. Sie werden in Kürze Gele-genheit zu einer Audienz bei seiner Erhabenheit erhalten. Ich darf Ihnen versichern, daß seine Erhabenheit dem Gespräch mit größtem Interesse entgegen sieht.
Jonas: Ich auch. Aber zuerst das Hotel. Eine große Suite. 80 Quadratmeter mindestens. Essen so so, Trinken bestens. Whiskey, echter, nicht Synth. Zur freien Verfügung. Costaguana war ein Schlaraffenland, wenn man Guttapercha hieß, oder wenigstens so aussah. Ich versuchte einen Plan zu machen, aber dazu ging alles viel zu schnell. Eine knappe Stunde später saß ich in einem Benzinauto. So was gab’s noch im wilden Amerika.
Posada: Um der Unterredung den passenden Rahmen zu geben, wünscht seine Erhabenheit, Sie in La Installation zu empfangen.
Jonas: La Installation, was ist das?
Posada: Sie scherzen, Senior Guttapercha.
Jonas: Erstaunlich viel Soldaten haben Sie hierzulande, Oberstleutnant.
Posada: In Costaguana gibt es keine Soldaten, Senior Guttapercha.
Jonas: Ach nein? Und die bewaffneten Uniformierten da draußen?
Posada: Angestellte, Senior Guttapercha, Angestellte im Ministerium für Außenhandel, aber das wissen Sie doch. Sie sind doch nicht zum ersten Mal bei uns.
Jonas: Von da ab hielt ich lieber den Mund. Und sah nur noch stumm aus dem Fenster. Durch die Bananenpflanzungen rechts und links rollten gewaltige Agarautomaten. Die wenigen jämmerlichen Siedlungen dazwischen waren bewacht und eingezäunt. Und eingezäunt oder besser eingemauert war auch unser Ziel, La Installation, was immer das sein mochte. Wir fuhren durch ein bewachtes Tor in der Mauer, und dann lag sie vor uns, die Installation. Mehrere große miteinander verbundene Gebäude, die Fassaden bemalt im schönsten bananenrepublikanischen Barock, dahinter Rohre und Schornsteine, die munter rauchten. Anscheinend eine Art Fabrik. Und über dem Ganzen ein süßer Hauch von Fäulnis.
Posada: Senior Archimedes Guttapercha aus Babylon, Vereinigte Staaten von Europa. Seine Erhabenheit, der Präsident General Don Alfredo Lopez Tabasco de Maricon Ibustament.
Tabasco: Meine liebe Elena, warum so förmlich? Wir kennen uns. Wie geht’s, mein Freund?
Jonas: Danke, Er... Erhabenheit.
Tabasco: Nennen Sie mich Fred. Sie haben abgenommen, Guttapercha. Der Streß, nicht wahr. Immerhin liegt unser gesamter Export in die VSE in Ihrer Hand, in Ihrer bewährten Hand.
Posada: Nicht zu vergessen die Union der Volksrepubliken, Erhabenheit.
Tabasco: Richtig, die UVR haben Sie ja auch. Respekt, mein lieber Guttapercha, Sie sind wirklich unsere Nummer eins drüben, abgesehen natürlich von Frau Professor Caligari, aber die ist eine Klasse für sich, nicht wahr?
Jonas: Seine Erhabenheit war noch jung, und wirkte in seiner edelsteinbesetzten Uniform wie eine Kreuzung aus intergalaktischem Generalissimus und Anmacher vor einem Stimulationsschuppen. Und er redete auch wie ein Anmacher. Ohne Punkt und Komma.
Tabasco: Erzählen Sie, mein lieber Guttapercha, gibt’s was Neues auf ihrem schwarzen Markt? Wie gehen die Geschäfte? Was macht die Korporation?
Posada: Si? Momentico. Für Sie, Erhabenheit.
Tabasco: Danke, Elena. Ja, was. Ja. Nein.
Posada: Noch ein Whiskey, Senior Guttapercha?
Jonas: Warum nicht, danke.
Tabasco: Nein, das mach ich selbst. Lassen Sie Ihr Glas stehen, mein lieber Guttapercha, Sie können später austrinken. Wir machen eine Führung. Eine Führung durch La Installation. Wenn ich mich nicht irre, waren Sie noch nie hier, oder?
Jonas: Nein, Erhabenheit.
Tabasco: Fred, mein lieber Guttapercha. Fred.
Posada: Wünschen Erhabenheit, daß ich die Leibgarde rufe?
Tabasco: Nicht doch, Elena, wir sind unter uns. Unter Freunden. Ein zwangloser Rundgang zu dritt. Informell. Intim. Enmarcha.
Jonas: Durch einen langen Gang kamen wir auf eine Plattform. Nein, eine Plattform war es eigentlich nicht. Eher eine Scheibe aus Plexiglas, durchsichtig und ungeheuer groß. Mindestens 100 mal 100 Meter. Sie war gleichzeitig Fußboden und Decke. Wir standen darauf, und unter unseren Füßen sahen wir einen weiten Raum, durch Zwischenwände unterteilt in viele viele schmale Verschläge. Wie Waben in einem Bienenkorb. In jedem Verschlag hockte oder lag ein Mensch, nackt, reglos, aber atmend.
Tabasco: Betäubt, mein lieber Guttapercha. Ruhiggestellt. Das ist praktisch, human und nicht teuer, weil wir das Opium im Lande produzieren. In erster Linie achten wir natürlich darauf, daß sie tüchtig essen. Wie spät ist es, Elena?
Posada: 17 Uhr 32, Erhabenheit.
Tabasco: Schade. Die nächste Fütterung findet erst in drei Stunden statt. Das hätte ich Ihnen gern gezeigt, mein lieber Guttapercha. Wenn Sie... wenn Sie an diesem Hebel ziehen, öffnet sich im Plexiglas eine Klappe. Hier. Wie Sie bemerken, befindet sich darunter, unter der Klappe, ein Trog. Und in diesen Trog wird von hier oben der Brei gegossen. Wir füttern eine äußerst gesunde Mixtur. Proteine, Eiweiß, Vitamine etc. Schließlich wollen wir unseren guten Kunden und Abnehmern fehlerlose Ware liefern. Abnehmer. Da fällt mir ein, vor wenigen Minuten habe ich übers Telefon eine betrübliche Mitteilung erhalten. Ihre Waffe ist schußbereit, Elena?
Posada: Jawohl, Erhabenheit.
Tabasco: Äh, ja, was wollte ich sagen.
Jonas: Eine betrübliche Mitteilung, Erhabenheit.
Tabasco: Ja.
Jonas: Äh, Fred.
Tabasco: Richtig. Stellen Sie sich vor, unser europäischer Zwischenhändler ist tot. Man hat ihn bei Babelshafen aus dem Wasser gefischt. Ein gewisser Archimedes Guttapercha. Tüchtiger Mann. Wir werden sein Andenken in Ehren halten. – Sie sagen nichts?
Jonas: Was soll ich sagen? Ich bin sprachlos. Ganz offensichtlich eine Falschmeldung.
Tabasco: Das glaube ich kaum. Wenn er eine verdächtige Bewegung macht, Elena, dann schießen Sie.
Posada: Zu Befehl, Erhabenheit.
Tabasco: Sehen Sie, mein lieber falscher Guttapercha, gerade eben haben Sie behauptet, Sie seien noch niemals hier gewesen. Nun hat aber der gute echte Guttapercha La Installation schon mehrmals besucht. Geben Sie auf? Sie müssen dieser Mensch sein, von dem Guttapercha erst kürzlich aus Babylon berichtete. Ein biblischer Name, äh, Josafad, Jonathan...
Jonas: Jonas. Nur Jonas.
Tabasco: Jonas, ganz recht. Sie sind neugierig, mein lieber Jonas. Sie wollen hinter die Kulissen des schwarzen Organhandels sehen. Bitte sehr. Sehen Sie. Das hier ist die Quadra, der Stall. Weiter hinten die Anästhesie. Schonend und human, das kann ich Ihnen versichern. Und das eigentliche Schlachthaus, die Carniserisa. Eine weitgehend automatisch arbeitende Anlage, hygienisch, sauber, auf dem neuesten Stand der Technik. Dann gibt es noch die Speicher und die Kühlsysteme.
Jonas: Danke, das reicht mir.
Tabasco: Aber mein lieber Jonas, seien Sie doch nicht so emotional. Betrachten Sie die Sache vernünftig, mit kühlem Kopf. Costaguana ist ein armes Land. Unser einziger Rohstoff ist der Boden. Und den haben wir schon vor Jahrzehnten verkauft an Bananas Incorporated USA. Ansonsten haben wir Menschen. Menschen im Überfluß. Als Arbeitskräfte sind sie nicht gefragt. Die Bananenplantagen werden vollautomatisch bewirtschaftet. Was tun? Mein verehrter Herr Vorgänger und Vater hatte eine großartige Idee. Auch der Mensch ist Rohstoff und als solcher verwertbar. Zumindest in Teilen. Die eigentlichen Dimensionen dieser seiner Idee sind Papa allerdings noch nicht voll aufgegangen. Er fing klein an, politische Gegner, Guerilleros, die ihm Sorgen machten, wurden nicht mehr wie in alter Zeit an die Wand gestellt und verscharrt. Das, so Papa, sei Verschwendung. Er ließ die Leute zerlegen und verkaufen. Aus solch bescheidenen Anfängen ist inzwischen eine Großindustrie geworden. Die Bevölkerung vermehrt sich fromm und fleißig. Wir haben auf dieser Basis aufgebaut, wir haben erweitert, wir haben investiert, dank der finanziellen Hilfe, die wir über ZIP und Frau Professor Caligari bekommen haben. Und so haben wir vor noch nicht einmal einem Jahr La Installation einweihen können. Ein Musterbetrieb, mein lieber Jonas. In seiner Art einmalig auf der Welt.
Jonas: Das will ich doch hoffen.
Tabasco: Unsere Ware geht in den schwarzen Weltmarkt. Offiziell, das versteht sich, können wir nicht bekannt geben, wie wir produzieren, aber die Regierungen, alle Regierungen, auch ihre, mein lieber Jonas, wissen Bescheid. Nicht nur, daß sie nichts gegen uns unternehmen, sie greifen uns auch hilfreich unter die Arme. Organe zum Transplantieren sind weltweit knapp. Ohne Schwarzmarkt geht es einfach nicht. Wenn es uns nicht gäbe und unsere Lieferungen, dann würde der Nachschub von ihren Kriminellen organisiert werden, und die würden sich die Organe nachts auf den Straßen besorgen. Bevor es dazu kommt, in den VSE, den USA, der UVR, bevor man es soweit kommen läßt, handelt man denn doch lieber mit uns. Ein Marktproblem, mein lieber Jonas, Angebot und Nachfrage. Die Welt, die reiche, die industrialisierte Welt, braucht dringend Organe. Wir haben, wir liefern und wir verdienen. Wir verdienen nicht schlecht. Apropos, wie hoch schätzen Sie sich ein, mein lieber Jonas? Ihr Schweigen, meine ich. Es ist ja nicht unbedingt nötig, nicht wahr, daß alle Welt informiert wird über unsere Organindustrie. Gewisse kuriose Menschen, wie es sie gerade bei Ihnen gibt, könnten Geschrei erheben. Keine ernsthafte Bedrohung, aber doch lästig. Kurz gefragt, mein lieber Jonas, wieviel?
Jonas: Mein lieber Fred, ich bin unbezahlbar.
Tabasco: In diesem Falle, mein bester, werden wir Sie wohl verwerten müssen, schade.
Jonas: Wir waren noch immer auf der Plattform aus Plexiglas, hoch über den willenlosen Organspendern, zu denen bald auch Jonas gehören sollte. Dagegen mußte was unternommen werden. Ich machte einen Plan. Es war vielleicht kein sehr guter Plan, aber ein besserer fiel mir nicht ein.
Tabasco/Posada: Ah!
Jonas: Ich wartete, bis Präsident und Adjutantin zusammen auf der Futterklappe standen, suchte hinter dem Rücken mit der linken Hand den Hebel, fand ihn, zog daran, die Klappe ging auf, beide stürzten in den Futtertrog und blieben bewußtlos liegen. Ende des ersten Akts. Zweiter Akt. Ich kletterte vorsichtig nach unten, zog sie aus, ein nackter Präsident unterscheidet sich nicht erheblich von einem nackten Pion, legte sie in zwei freie Verschläge und ließ sie an den Enden der Gummiröhrchen lutschen, die in den Opiumtank führten. Die Uniformen versteckte ich unter einer Pritsche. Dritter Akt: Ich stieg wieder nach oben und dachte laut nach, zusammen mit Sam.
Sam: Seine Erhabenheit, der Präsident, wie auch Oberstleutnant Posada, können meinem Meister kaum noch gefährlich werden. Aller Voraussicht nach werden sie unerkannt zu menschlichen Ersatzteilen verarbeitet werden.
Jonas: Sicher, Sammy, aber das ist nicht das Problem.
Sam: Sondern?
Jonas: Wie komme ich hier raus?
Sam: Das sollte dem hochgeehrten Staatsgast Arch... Arch... Archimedes Guttapercha keine Schwierigkeiten machen.
Jonas: Du bist nicht auf dem Laufenden, Sam. Die Story ist geplatzt.
Sam: Hoheit belieben sich in einem Irrtume zu befinden. Wer weiß denn von dero wahrer Identität, doch nur Präsident Tabasco und seine Adjutantin, sonst niemand.
Jonas: Stimmt, Sam. OK, bluffen wir uns raus.
Jonas: Entschlossen m***ierte ich durch die Korridore der Installation, und sah keinen Menschen. Bis ich zu dem Raum kam, wo der Kerncomputer der Sicherungsanlage arbeitete, hier stand ein Soldat Wache. Aber bald stand er nicht mehr, er lag. Verschnürt mit einem kräftigen Kabel. Und der geehrte Staatsgast studierte die Anlage.
Jonas: Was hältst du davon, Sam?
Sam: Nun ja, der allerletzte Schrei ist es nicht, aber immerhin der vorletzte.
Jonas: Kommst du rein, Sammy?
Sam: Das wird sich machen lassen. Was befielt mein Herr und Meister?
Jonas: Als erstes unterbrichst du jede Verbindung nach außen.
Sam: Wird gemacht, Chef.
Jonas: Dann müßtest du die elektronische Sicherung auslösen, und festklemmen. Verstehst du. Das niemand mehr raus oder reinkommt. Und daß die Sperre von innen nicht aufzuheben ist.
Sam: Schwierig, aber nicht unmöglich. Vermutlich wünschen Durchlaucht den Komplex vorher zu verlassen.
Jonas: Soviel Zeit mußt du mir schon geben, Sam. In sieben, acht Minuten sollte ich spätestens am Tor sein. In 10 Minuten machst du den Laden dicht, klar?
Sam: Countdown läuft.
Jonas: Bis zum Tor klappte der Zeitplan, aber dann kam Sand ins Getriebe, der Wächter war mißtrauisch, wie Wächter nun mal sind und bewaffnet bis an die Zähne.
Soldat: Halto. Passaporte.
Jonas: Lobenswerte Pflichterfüllung, mein Guter, aber in meinem Fall absolut unnötig. Ich bin Gast seiner Erhabenheit des Präsidenten, machen Sie keine Geschichten, lassen Sie mich durch.
Soldat: Nix. Nur durch mit Passaporte spezial. Don del passaporte spezial.
Jonas: Ich brauch keinen Sonderausweis. Gott, ist der Kerl stur. Wieviel Zeit haben wir noch, Sammy?
Sam: Acht Sekunden.
Jonas: Also noch mal, Amigo, ich bin Staatsgast, Ehrengast, du mich durchlassen, sonst du erschossen. Bum.
Soldat: No. Hamas. Ho! Alarma!
Jonas: Caramba!
Sam: Eine Sekunde.
Jonas: Ein munteres Durcheinander. Einen Augenblick lang war der Posten verwirrt. Ich stieß ihn zur Seite und machte einen gewaltigen Satz vors Tor. Der Kerl riß einen Flammenwerfer hoch, da sagte Sam zero. Und prompt ging zwischen mir und dem Posten die unsichtbare elektronische Schutzwand runter. Gefahr vorbei, Feuer kam nicht durch. Ich setzte mich in das Auto, das mich hergebracht hatte, und fuhr zurück. Nicht nach El Dorado, sondern an der Stadt vorbei zum Flughafen.
Jonas: Wenn alles klappt, Sam, sind wir in zwei Stunden zuhause.
Sam: Wie dieses, Sahib? Ein Lastensegler?
Jonas: Nichts Lastensegler. Chemorock, Sammy, Chemorock.
Sam: Angesichts der finanziellen Situation euer Majestät dürfte ein Heimflug mittels chemischer Rakete sich als entschieden zu kostspielig erweisen.
Jonas: Ach weißt du, Sam, ich hab schon wieder eine hilfreiche Hosentasche gefunden. Diesmal bei seiner Erhabenheit. Und darin steckt eine dicke Rolle 1000-Peso-Noten. Der Präsident hat nichts mehr davon, und ich kann’s gut gebrauchen. Für Chemorock-Luxusklasse, und für die Costaguanesischen Ausreisebeamten mit den offenen Händen und den zugedrückten Augen.
Sam: Wenn der bescheidene Rechenknecht ein Fazit ziehen darf, Hoheit sind heil in Babylon eingetroffen, haben sich, dem Himmel sei Dank, in Jonas zurückverwandelt, und können einen Reingewinn von rund 7500 Pesos verbuchen. Piep. 232 Euros zum heutigen Umrechnungskurs.
Jonas: Soweit so gut, Sam. Aber der Fall ist noch nicht abgehakt und ausgestanden. Es muß sich doch irgendwas tun lassen gegen den Schwarzmarkt, gegen die Organwirtschaft in Costaguana.
Sam: Und was, o Helfer der Witwen und Waisen.
Jonas: Wenn ich das wüßte, Sammy.
Jonas: Ich rief Judith an. Aber Judith war nicht zu Hause. Ich rief Julian van Brendel an. Weil ich eine dankbare menschliche Stimme hören wollte. Aber der war auch nicht zu Hause.
Jonas: Wer spricht?
Computer: Hier ist der persönliche Computer des Herrn Julian van Brendel. Herr van Brendel ist verschieden.
Jonas: Was? Woran? Wann?
Computer: Herr van Brendel starb am 24. September 2009 während einer Transplantation. Todesursache: Unverträglichkeitsreaktion auf die ihm übertragene Bauchspeicheldrüse.
Jonas: Beileid.
Computer: Hier ist der persönliche Computer des Herrn Julian van Brendel, Herr van.
Jonas: Unverträglichkeit. Und Frau Prof. Caligari. Ich hab so ne Ahnung. Sam!
Sam: Mein Gebieter.
Jonas: Ratio der Todesfälle durch Unverträglichkeit bei Transplantation illegal erworbener Organe.
Sam: Zeitraum?
Jonas: Dieses Jahr. Vom 1. Januar bis heute.
Sam: Kommt sofort, Meister. Piep. Rate besagter Todesfälle liegt um 187 % über dem Durchschnitt des Jahres 2008.
Jonas: 187 %. Das ist es, Sammy.
Sam: Das ist was, o Inbegriff aller Intelligenz.
Jonas: Paß auf. Nach der Ausschiffung kommen die schwarzen Organe nicht gleich auf den Markt, sondern erst zu Frau Professor Caligari, ins Zentralkrankenhaus. Und da werden sie verseucht, vergiftet, unverträglich gemacht, was weiß ich. So schlägt ZIP zwei Fliegen mit einer Klappe. In Costaguana wird die Bevölkerung dezimiert, und bei uns auch. Alles paßt zusammen, Sam. Und jetzt weiß ich auch, was wir tun müssen. Wir bringen die Geschichte unter die Leute.
Sam: Sinnlos, großer Häuptling. Was im Schlachthaus von Costaguana p***ert, interessiert hier keinen Menschen, der eine neue Niere braucht oder ein neues Herz.
Jonas: Stimmt schon, Sammy, aber daß er an einer neuen Niere und einem neuen Herzen eingehen wird, das interessiert ihn, da kannst du sicher sein. Und das verbreiten wir. In den Dateien, den Medien, überall.
Jonas: Vorher rief ich noch mal bei Judith an. Aber Judith war immer noch nicht zu sprechen. Jonas war allein. Abgesehen von Sam natürlich.
Jonas: Weißt du, Sam, wie ich mich fühle? Wie ein Bessett, dem man auf die Ohren getreten hat.
Sam: Was, o Herr und Gebieter, ist ein Bessett?
Jonas: Berechtigte Frage, Sammy. Gehen wir an die Arbeit.
Sam: Piep. Wau Wau.
Das war Schlachthaus. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus. Sein Super-computer Sam war Joachim Wichmann. Es wirkten außerdem mit: Karin Anselm, Andrea Dahmen, Peter Fricke, Alexander Malachovsky, Edwin Noel, Günter Sauer und viele andere (Fred Klaus, Wilfried Klaus, Andrea Rosenberg, Heiner Schmidt, Selestino Sanchez, Renate Grosser). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Heiner Schmidt. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1984). Redaktion: Dieter H***blatt und Erwin Weigel.
Jonas
Donnerstag, 28. August 2025 07:12
Reservat
Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Reservat
Jonas: Es war einmal eine Zeit, da gab es Privatdetektive. Harte Männer, gerecht, nie um eine Antwort oder um einen Ausweg verlegen. Und wenn es sie nicht in Wirklichkeit gab, dann doch wenigstens in Büchern und Filmen. Heute im frühen 21. Jahrhundert gibt’s nur noch einen von der Sorte. Mich. Ich bin Jonas. Jonas, der letzte Detektiv. Nicht so hart, auch nicht immer gerecht, dafür fällt mir manchmal keine Antwort ein, und nach einem Ausweg muß ich oft lange suchen. Aber ich tue, was möglich ist. Mehr kann man nicht verlangen. Was Frau Marcus-Pallenberg von mir wollte, war nicht möglich. Oder doch?
Frau Marcus-Pallenberg: Sie müssen ins Reservat.
Jonas: Ein Vorschlag, Frau Marcus-Pallenberg. Kaufen Sie sich ein paar starke Männer, die mich fesseln und knebeln und über die Mauer schmeißen. Danke. Kein Interesse.
Frau Marcus-Pallenberg: Aber Cora ist doch im Reservat.
Jonas: Pech.
Frau Marcus-Pallenberg: Bringen Sie sie zurück. Bitte, Herr Jonas!
Jonas: Ich bin sentimental. Ab und zu gehe ich ins Waldmuseum und seh mir die Bäume an. Die Kiefer. Die Birke. Und die kleine Eiche, von der sie immer noch nicht wissen, ob sie durchkommt. Ich erinnere mich an die Zeit, als auch draußen noch Bäume standen. Und ich habe das Gefühl, mir fehlt was. Wie gesagt, ich bin sentimental. Aber ich bin nicht dämlich.
Frau Marcus-Pallenberg: Jemand muß sie doch da rausholen. Die Polizei tut nichts.
Jonas: Polizei. Schicken Sie doch gleich nen Chimp.
Frau Marcus-Pallenberg: Ich will keinen Affen. Sie sind mir empfohlen worden, Herr Jonas.
Jonas: Also dann, hat mich gefreut, Frau Marcus-Pallenberg.
Frau Marcus-Pallenberg: Haben Sie etwa Angst?
Jonas: Na sicher.
Frau Marcus-Pallenberg: Sie sind doch Detektiv?
Jonas: Eben drum. Ich weiß, was alles p***eren kann.
Frau Marcus-Pallenberg: Ich habe gehört, Sie sind der einzige, der es schaffen kann. Und Sie brauchen Geld, habe ich gehört.
Jonas: O, welch magisch Wort dringt da an mein empfänglich Ohr. Wieviel?
Frau Marcus-Pallenberg: 200 Euros?
Jonas: Pro Tag.
Frau Marcus-Pallenberg: Ich dachte eher pauschal.
Jonas: Und Spesen.
Frau Marcus-Pallenberg: Aber Herr Jonas.
Jonas: Dafür gehe ich ins Reservat. Und sollte meinen Geisteszustand untersuchen lassen.
Jonas: Die Dame trug eine Aufmachung spazieren, wie ich sie bisher nur auf dem Titel von Mode gesehen hatte. Echtes Naturleinen, besetzt mit fast echtem Naturpelz. Das ganze garniert mit rund 3 Kilo Platin und Brillianten. Sie sah aus wie eine Frau, die mit Leichtigkeit ein paar Hundert Euros locker machen konnte. Und ich hatte ein paar Hundert Euros dringend nötig.
Jonas: Na schön. Jetzt erzählen Sie mir mal, was p***ert ist, Frau Marcus-Pallenberg.
Frau Marcus-Pallenberg: Ja. Cora, o, schluchzt, Cora ist im Reservat.
Jonas: Das weiß ich. Wann hat sie Ihr Haus verlassen?
Frau Marcus-Pallenberg: Gestern, am frühen Morgen.
Jonas: Wie alt ist Ihre Tochter?
Frau Marcus-Pallenberg: 15.
Jonas: Also fast volljährig.
Frau Marcus-Pallenberg: Hhm. Deshalb konnte ich ja auch nicht viel unternehmen, als sie anfing, sich mit diesen merkwürdigen Menschen aus dem Reservat abzugeben. Ich habe auf sie eingeredet, ja, aber das hat natürlich nichts genutzt.
Jonas: Natürlich nicht. Und?
Frau Marcus-Pallenberg: Und dann ist sie gegangen. Mit ihm. Ins Reservat. In die Freiheit. Hat sie geschrieben.
Jonas: Geschrieben?
Frau Marcus-Pallenberg: Hmh. Das habe ich gestern Morgen auf Coras Bett gefunden.
Jonas: Zeigen Sie her. "Ich muß meinen eigenen Weg gehen, mich selbst verwirklichen. Die Freiheit, die ich brauche, kann ich hier nicht finden." Das übliche. 08/15. "Ich gehe ins Reservat. Zombie hat mir die Augen geöffnet." Zombie?
Frau Marcus-Pallenberg: Ihr Freund. Er heißt Zombie.
Jonas: Wirklich?
Frau Marcus-Pallenberg: Natürlich ist das nur ein Spitzname. Seinen richtigen Namen kenne ich nicht. Vermutlich kennt er ihn selbst nicht. Er ist eben ein Freak. Ein typischer Freak aus dem Reservat.
Jonas: Das Reservat ist ein Stadtviertel im Südosten von Babylon. Früher hieß es mal anders. Wie, weiß kein Mensch mehr. Heute ist es das Reservat. Nur das Reservat. Und im Reservat hausen Typen, die in der Welt draußen nicht zurechtkommen können. Oder wollen. Eremiten. Einzelgänger. Türken, die während der großen Entfremdung untergetaucht sind. Und vor allem Freaks. Freaks jeder Schattierung. Nicht nur aus Babylon. Sie kommen von überall her, aus den ganzen Vereinigten Staaten von Europa. Nach den Unruhen in den 90er Jahren hat man um die ganze Geschichte `ne Mauer gebaut, und `ne elektronische Schutzglocke draufgestülpt. Seitdem ist das Reservat nicht existent. Wenigstens offiziell. Die Bewohner bleiben unter sich. Es ist nicht leicht, rein oder rauszukommen, und es ist fast unmöglich, drinnen zu überleben, wenn man nicht dazugehört.
Frau Marcus-Pallenberg: Das ist alles, was ich Ihnen über diesen Zombie erzählen kann.
Jonas: Nicht gerade viel. Wie hat Cora ihn kennen gelernt?
Frau Marcus-Pallenberg: Durch einen entfernten Bekannten. Der hat ihn zu uns mitgebracht, zu einer Party, vor vier oder fünf Wochen.
Jonas: Wie heißt der Bekannte?
Frau Marcus-Pallenberg: Maske. Theo Maske.
Jonas: Ungewöhnlicher Name.
Frau Marcus-Pallenberg: Und ein ungewöhnlicher Mensch. Er arbeitet in der Holo-Industrie, und er kennt ausgesprochen seltsame Leute.
Jonas: Wie zum Beispiel Zombie. Fangen wir bei Herrn Maske an.
Frau Marcus-Pallenberg: Sie sind der Experte. Bitte, bringen Sie mir meine Cora zurück, Herr Jonas. Heil und gesund.
Jonas: Ich werd’s versuchen.
Frau Marcus-Pallenberg: Tun Sie’s. Für mich.
Jonas: Nein, nicht für Sie. Für Ihre 200 Euros pro Tag. Sie hören von mir, Frau Marcus-Pallenberg.
Frau Marcus-Pallenberg: Viel Glück.
Jonas: Maske. Theo Maske. Wer ist Theo Maske?
Jonas: Natürlich. Judith würde es wissen. Judith hat einen höheren Posten im Ministerium für Statistik und Soziographie. Sie ist immer gut für knifflige Daten, an die nicht jeder rankommt. Nicht jeder, aber Jonas. Über Judith. Sie war meine Klientin gewesen im Testmarkt-Fall. Und jetzt war sie meine z.B. Meine zeitweilige Beziehung. Aber für Maske brauchte ich sie nicht. So was schafft Sam mit links.
Sam: Darauf kannst du wetten, Chef. Piep. Maske, Theo. Bürgernummer 19 G 13 12 1972. Leitender Direktor der Holo-Produktionsfirma Lust & Qual GmbH. Ein Unternehmen von nicht eben makellosem Ruf, wenn eure Lordschaft mir diese nicht streng zur Sache gehörige Bemerkung gütigst nachsehen wollen.
Jonas: Sam ist mein Notizbuch. Meine geistige Krücke. Mein Retter aus der Not. Und manchmal sogar ne Art Freund. Sam ist mein Computer. Nicht irgendein Computer. Sam ist ein Sonder- und Versuchsmodell. Er kann mehr als andere Computer, und er ist ein bißchen verdreht. Der einzige verdrehte Computer, den ich kenne. Als er auf den Markt kam, im Jahr 2005, da haben ihn nur ein paar Snobs gekauft. Oder Masochisten, die sich mit Wonne von einem Computer übers Maul fahren lassen. Und ich. Leider. Andererseits frage ich mich manchmal, wie Sam Spade und Phil Marlowe ohne Computer ausgekommen sind. Schon mit unseren elektronischen Lieblingen ist das Leben kompliziert genug.
Sam: Lust & Qual GmbH produziert, wie der Firmenname andeutet, Holos von der Art, welche gemeinhin als Blut und Blubber bezeichnet wird. Mord, Folter, Sadismen. Mit einem Wort: Unappetitlichkeiten.
Jonas: Ganz meine Meinung, Sammy, aber das brauchen wir alles nicht.
Sam: Sagst du, Biohirn.
Jonas: Jawohl, und du sagst mir, wo Theo Maske wohnt. Damit wir ihm auf die Bude rücken können.
Sam: Aye Aye, Sir. Wie spricht der gefügige Orientale? Hören heißt gehorchen. Und der Dichter dichtet: Mut zeiget auch der lahme Muck, Gehorsam ist Computers Schmuck. Ferner steht geschrieben...
Jonas: Und so weiter. Aber schließlich erfuhr ich doch noch, was ich wissen wollte. Theo Maske wohnte weit draußen im Westen. In einer Villa von mindestens 80 Quadratmeter. Ein typischer Everson-Bau aus den späten 80ern. Rote Backsteine, Schmuckrohre außen, überall schiefe Linien. Vor dem Tor private Schutztruppler, hinter dem Tor ein echter Butler, der mich in den Salon geleitete. Und da hingen echte Bilder an der Wand, mit echtem Öl gemalt. Ich war bei echt feinen Leuten. Deshalb wunderte ich mich schon gar nicht mehr, als ich auch noch einen echten Whiskey in die Hand gedrückt kriegte. Dann erschien der Herr des Hauses. Theo Maske war nicht nur fein, er war auch schief. So schief wie seine Villa. Schiefer Rücken, schiefe Nase, schiefer Mund. Und für seinen Charakter würde ich auch nicht die Hand ins Feuer legen.
Theo Maske: Wie mundet Ihnen mein Malt Whiskey, Herr äh, Herr äh.
Jonas: Jonas. Nur Jonas.
Theo Maske: Nur Jonas. Und Privatdetektiv. Wie überaus faszinierend. Was es nicht alles gibt. Sie müssen ein interessantes Leben führen, Herr äh.
Jonas: Jonas.
Theo Maske: Auf der Schattenseite der Gesellschaft sozusagen. Noch nen Whiskey? So was Gutes kriegen Sie nicht jeden Tag, nehme ich an.
Jonas: Sie haben ja so recht, Herr äh Herr äh Herr Maske. Außerdem haben Sie ein Butler und ein Haus. Sie sind überhaupt ein wundervoller Mensch, auf der Lichtseite der Gesellschaft sozusagen. So, und jetzt können wir zur Sache kommen.
Theo Maske: Hören Sie, Ihr Ton gefällt.
Jonas: Gefällt Ihnen nicht? Machen Sie sich nichts draus. Sie sind nicht der einzige. Sagen Sie, was Sie über ihren Freund Zombie wissen, und Sie sind mich los.
Theo Maske: Zombie? Ich kann mich kaum noch erinnern. Freund ist übrigens nicht das richtige Wort. Wir haben lediglich eine sehr vage berufliche Beziehung.
Jonas: Zombie ist auch im Hologeschäft?
Theo Maske: Im Prinzip ja.
Jonas: Sie sind also Kollegen?
Theo Maske: Ich bitte Sie, Herr äh.
Jonas: Na na.
Theo Maske: Ich leite eine lizenzierte, staatlich überprüfte Holo-Produktion.
Jonas: Und Zombie?
Theo Maske: Zombie ist ein Wilder. Sein Studio hat er im Reservat.
Jonas: Sehen darf man in dieser unserer freien Gesellschaft alles, wonach man lustig ist. Aber man darf nicht alles produzieren. Da paßt die MePo auf, die Medienpolizei. Nicht so scharf wie die PoPo, aber immerhin. Wer Holos produzieren will, die er nicht produzieren darf, der tut das da, wo die MePo nichts zu sagen hat. Zum Beispiel im Reservat.
Theo Maske: Deshalb hab ich mich ein bißchen mit ihm abgegeben. Man muß doch wissen, was die Konkurrenz tut.
Jonas: Und was tut sie?
Theo Maske: Praktisch d***be, was wir tun. Mit einem wichtigen Unterschied: Wir türken. Bei Zombie ist alles echt. Darum verkaufen sich seine Sachen auch so gut. Was wollen Sie von ihm?
Jonas: Wie gut kennen Sie die Marcus-Pallenbergs?
Theo Maske: Ach Gott, wie man sich so kennt. Wir haben gemeinsame Freunde. Charmante Frau.
Jonas: Und die Tochter?
Theo Maske: Cora? Was soll ich sagen, unauffällig. Für mich zu jung, wenn Sie verstehen, was ich meine, Herr.
Jonas: Nicht noch mal.
Theo Maske: Trinken Sie aus, Herr Jonas. Nehmen Sie sich noch einen.
Jonas: Direkt vor Maskes Villa wartete eine freie Rikscha. Glücklicher Zufall, dachte ich. Ich armer Irrer. Der Kuli rannte, ich lehnte mich zurück, und dachte ein bißchen nach. Plötzlich hatte ich ein ausgesprochen ungutes Gefühl. Ich sah hoch: Die Gegend stimmte nicht, die Richtung stimmte nicht, und was noch schlimmer war, mit mir stimmte auch was nicht. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Keinen Gedanken fassen. Kaum noch reden.
Jonas: Stop. Stop. Ich will aussteigen. Malt Whiskey. Muß was im Whiskey gewesen sein. Alles rot. Rosenrot. Und müde. So müde. Schlafen. Judith. Vielleicht auch träumen.
Jonas: Mein Kopf war ein Raumschiff, unterwegs zum Mars. Die Maschinen ratterten, hämmerten, ächzten. Plötzlich setzten sie aus. Und ich stürzte in den unendlich weiten, unsagbar kalten Kosmos. Immer schneller, immer tiefer. Ich schlug hart auf und blieb regungslos liegen. Minuten, Wochen, Jahre. Bis ich mir zutraute, Arme und Beine zu bewegen. Anscheinend war ich noch komplett, wenn auch nicht im Bestzustand. Ich hatte Schmerzen, vor allem im rechten Oberschenkel. Meine Augenlider waren schwer wie Iridium. Ich redete mir gut zu, und schließlich stemmte ich sie hoch. Bekanntlich hat Jonas einen eisernen Willen. Ich lag auf einem Hof hinter einem schäbigen Gebäude, das mir irgendwie bekannt vorkam. Ich richtete mich auf, sah nach oben: Ich war zu Hause. Das kleine Fenster im 16. Stock gehörte zu meinem sog. Heim: Büro plus Apartment, 22 Quadratmeter. Ich machte Inventur. Bürgerausweis, Lizenz, alles da. Sogar die paar Euros in der Hosentasche. Seltsam. Warum hatte man mich betäubt und entführt? Wer steckte dahinter? Maske?
Sam: Der Whiskey. Die vor seinem Haus so einladend bereit stehende Rikscha. Keine Frage, der Übeltäter ist Herr Theo Maske.
Jonas: Wir werden ihn uns vorknöpfen, Sammy. Demnächst. Vorher haben wir noch nen kleinen Auftrag zu erledigen. Eine gewisse Cora Marcus-Pallenberg muß aus dem Reservat geholt werden. Und wenn Jonas einen Auftrag übernimmt, dann führt er ihn auch aus. So schnell wie’s geht. Aber dann.
Sam: Aber dann ist Herr Theo Maske dran.
Jonas: Wohl gesprochen, Freund Sam.
Sam: O du warmer Regen auf meine Mikroprozessoren. Gleich noch ein Gedicht: Maskes mörderischer Anschlag und Marcus-Pallenbergs Auftrag, irre ich nicht, so ist, beides der selbige Fall.
Jonas: Schlechter Vers, Sam, aber was die Sache betrifft, hast du wahrscheinlich recht. Wir werden es feststellen. First things first. Oder auch alles der Reihe nach. Wenn ich bitten dürfte, umzuschalten, neues Thema. Reservat. Au.
Sam: Was ist meinem Herrn und Gebieter?
Jonas: Deinem Herrn und Gebieter tut was weh.
Sam: Sams tief empfundenes Beileid. Wieder der Magen?
Jonas: Im Gegenteil. Andere Seite. Und tiefer. Irgendwas zwackt mich an der rechten Hinterbacke. Daß du dich ja nicht unterstehst, darauf einen Reim zu machen Sammy.
Sam: Sam wird es sich verkneifen, euer Durchlaucht Hinterbacke zu besingen.
Jonas: Schluß mit dem Blödsinn. Reservat. Problem: Wie komm ich rein?
Sam: Da Eminenz wohl kaum im Panzerkonvoi einzureisen wünschen.
Jonas: Nein, Sam, ganz entschieden nein. Es fährt auch gar kein Konvoi mehr, seit sie den letzten durch Barrikaden blockiert haben und dann geknackt und ausgeräumt.
Sam: Also werden Majestät sich einschleichen müssen. Heimlich und verkleidet als Freak.
Jonas: Klar. Frage: Als was für ein Freak?
Sam: Such dir was aus, alter Knabe: Fixer, Guerillero, Gestapo, RAF, Ledernacken, Wehrmacht.
Jonas: Das liegt mir alles nicht besonders, Sammy.
Sam: Schwarzer Punk, weißer Punk, bunter Punk, grüner Freak.
Jonas: Öko-Fan. Müslifresser. Müslifresser, machen wir das doch.
Sam: Gebe pflichtschuldigst zu bedenken, daß Herr Oberst in diesem Falle keine Waffe bei sich tragen dürften. Ausgenommen vielleicht ein Taschenmesser. Um Nüsse zu knacken.
Jonas: Keine Sorge, Sam. Jonas wird’s auch so schaffen. Was ich aber unbedingt brauche, das bist du, Sam. Will sagen, eine unauffällige Möglichkeit, Sam zwo mitzunehmen.
Jonas: Sam zwo ist Sam in Miniausführung. Eine drahtlose Extension, durch die ich überall und jederzeit in Verbindung stehe mit Sam eins, dem großen Speicher und Terminal im Büro. Ich kann zwar auch ohne Sam auskommen, in Routinefällen, und wenn er mir mit seinem Gerede noch mehr auf die Nerven geht, als üblich. Aber auf so gefährlichem Pflaster wie dem Reservat wollte ich das lieber nicht probieren.
Sam: Herr General, schlage vor, Sam zwo aufzuteilen. Empfänger in Ohrring, Sender in Nasenring. Derartiger Schmuck gehört zur ***gatorischen Grundausstattung jedes grü... Scheiße... jedes grünen Freaks, der auf sich hält.
Jonas: Und wenn so ein Typ ab und zu mit sich selber redet, fällt das im Reservat nicht weiter auf. Sehr gut, Sam. Was brauchen wir?
Sam: Vor allen Dingen einen sanftmütigen Ausdruck auf dem Antlitz, o Schrecken deiner Feinde.
Jonas: Da werde ich mir aber ein bißchen Mühe geben müssen. OK, was noch?
Jonas: Die korrekte Aufmachung bestellte ich über Service-Text bei Freak-out am Markgrafenboulevard. Nicht gerade billig, aber das lief natürlich unter Spesen. Dann ein paar Minuten Arbeit mir Rasierapparat und grüner Farbe, und mein seliges Mütterlein hätte ihren Jonas nicht wiedererkannt. Sam konnte mir sagen, wo die elektronische Käseglocke eine Lücke hatte, noch eine kurze Mitteilung an Frau Marcus-Pallenberg, und fünf Minuten vor Mitternacht, am 12. August 2009, stand ein grüner Freak an der Reservatsmauer. "Irre sind menschlich" hatte einer rangesprayt. Ganz meine Meinung. "Sonne oder Regen, ich bin dagegen". Dafür hatte ich volles Verständnis. Kilroy war natürlich auch hier gewesen, vor langer Zeit. Jetzt war nur Jonas hier. Und Jonas fühlte sich unbehaglich. Und einsam. Wie einst Lilly Marlene.
Sam: Vor der Kaserne, vor dem großen Tor, steht eine Laterne, und steht sie noch davor.
Jonas: Sei still, Sam.
Sam: Lalalalala...
Jonas: Still. Gib mir lieber die Berechnung der Erfolgschancen.
Sam: Mit Wonne, großer Vorsitzender. Die Wahrscheinlichkeit, gegenwärtiges Unternehmen zu einem erfolgreichen Ende zu führen, beträgt zur Zeit genau 0, 9999.
Jonas: Also 2 zu 8.
Sam: Oder auch 1 zu 4. Nicht eben günstig, wenn eure Lordschaft mir diese kommentierende Wertung gestatten.
Jonas: Ach weißt du, Sammy. Wenn wir schon an Zahlen denken, dann doch lieber an die 200 Euros pro Tag.
Sam: Und Spesen.
Jonas: Und Spesen. Genau. Und mit diesem tröstlichen Gedanken im Hinterkopf wollen wir mal.
Jonas: Da wo ich stand, hatte die Mauer diverse Löcher und Vorsprünge. Ich zog mich hoch, dabei tat mir wieder mein verlängerter Rücken weh, setzte mich oben rittlings hin, und beschaute das nächtliche Reservat. Der Mond schien durch die Wolken. Jenseits der Mauer sah es kaum anders aus als davor. Dieselbe Ruinenlandschaft. Dieselben verwahrlosten Straßen. Dieselben Schatten. Dieselbe Stille. Nur unterbrochen durch leises Rascheln. Nachtmenschen schlichen durchs Geröll. Also dann, sagte ich mir. Sprung auf, M*** m***.
Sam: Alles in Ordnung, Chef?
Jonas: Alles klar, Sam. Uh!
Sam: Was ist los, Boss?
Jonas: Eine Falle, Sammy. Ich bin in was getreten, und jetzt werde ich verschnürt wie ein Postpaket. Eine Bio-Fessel. Mit automatischer Infrarot-Reaktion. Daß die hier im Reservat so was Modernes haben. Ich bin schon komplett eingepackt, Sam. Ich kann mich nicht mehr rühren. Und da kommen auch schon die Fallensteller. Das hat mir gerade noch gefehlt: Zwei schwarze Punks in all ihrer strahlenden Schönheit.
Power: Kuck mal, Push.
Push: Hähähä. Wir haben was gefangen, Power.
Jonas: Die beiden Typen sahen ein bißchen aus wie Lorell und Hardy, falls Sie sich Lorell und Hardy in schwarzem Leder mit Metallbeschlägen vorstellen können. Und mit Laserstrahlern in der Hand. Sie sahen auf mich herunter, und fingen dann ganz gemütlich an, mich mit ihren schweren Stiefeln zu bearbeiten. Profiklasse waren sie nicht, aber ich bin auch schon schlechter getreten worden.
Power: Was soll denn das sein, Push?
Push: Komisches Ei, Power.
Power: Sieht fast aus wie ein Freak, Push.
Push: Viel zu alt für `nen Freak, Power.
Power: Grüner Greis, Push.
Push: Freak-Opa, Power.
Power: Ätzend.
Push: Geil.
Power: Total tierisch.
Push: Elefantengeil.
Power: Hast du schon den Witz gehört, Push?
Push: Was für `nen Witz, Power?
Power: Da sind ein paar black Punks, und die fangen sich zwei Müslifresser. Einen haben sie vereist, und der andere mußte ihn fressen. Und weißt du, was der Witz ist? Der andere war Vegetarier.
Push und Power: Hahahahahahaha...
Jonas: Ha-Ha, ich lach mich tot.
Power: Hast du gehört, Push?
Push: Tot hat er gesagt, Power.
Power: Gar nicht so dumm, der Freak-Opa.
Push: Hat echt Durchblick, der Müsli-Greis.
Power: Vereisen wir ihn gleich oder verkaufen wir ihn lebendig an die Kannibalen?
Push: Treten wir ihn doch noch ein bißchen, Power.
Power: Ahh!
Push: Power, Power, sag doch was. Was ist, Power?
Jonas: Siehst du doch, man hat ihn gelasert, oder vereist, wie das bei euch heißt.
Push: Ahh!
Jonas: Der nächste bitte.
Sam: Sofern Hoheit die Frage gestatten, was ist geschehen?
Jonas: Wenn ich das wüßte, Sammy. Irgend jemand hat die beiden Punks mit dem Laser erledigt.
Sam: Wer, o Vater des Scharfsinns?
Jonas: Jemand im Schatten. Kommando zurück, Sam. Kein jemand. Eine Jemandin. Und was für eine.
Jonas: Es war eine junge Frau, die vor allem aus sich selbst bestand. Dazu aus hohen Stiefeln, und einem breiten Leder-Gürtel, dessen Schnalle das Zeichen des F.K.K. trug, des Feministischen Kampf-Korps, ein blutrotes Schwert über einem lila Kreis. Nicht zu vergessen der Laserstrahler, mit dem sie Push und Power erledigt hatte. Und der jetzt auf mich gerichtet war. Wunderbar. Erst Punks, dann F.K.K. Vom Regen in die Traufe. Damals bei den Unruhen, hatten sich die F.K.K.-Mädchen ganz besonders hervorgetan. Sie hatten auf alle geschossen. Auf Freaks, Polizisten, Ein- Um- und Aussteiger. Nur männlich mußten sie sein. Das Motto des F.K.K. lautet: Kein Schwanz bleibt ganz. Jetzt war offenbar Jonas an der Reihe.
Nada: Wie sagte frau in der bösen alten Chauvi-Zeit: Aller guten Dinge sind drei.
Jonas: Nichts überstürzen, immer mit der Ruhe. Cool bleiben.
Nada: Na wenn ich dich so ansehe, bist ja doch schon ein ganz schön alter Sack. Weißt du was, ich hab heut meinen soften Tag. Hör auf zu bibbern, ich tu dir nichts. Bist sowieso bald dran, Alter.
Jonas: Machst du mir die Bio-Fessel ab? Vor mir brauchst du keine Angst zu haben.
Nada: Ich Angst vor dir? Halt still.
Jonas: Sam, bist du da, Sam?
Sam: Sam ist da, Majestät, und Sam verfolgt gebannt dero unglaubliche Abenteuer. Was geschieht?
Jonas: Sie brennt mir die Bio-Fessel ab, mit ihrem Laser. Sehr geschickt. Bleib weiter dran, Sammy. - Danke.
Nada: Ich bin übrigens die Nada.
Jonas: Angenehm, dann heiß ich Nemo.
Nada: Von mir aus. Setz dich. Willst du auch nen Joint? Na, prima Tabak. Aber als Grün-Freak rauchst du ja nicht.
Jonas: So saßen wir denn friedlich beisammen. Im Schatten der Mauer. Nada und ich. Meine rechte Hinterbacke tat mir weh. Und auch mein Magen, der sich wochenlang friedlich verhalten hatte, meldete sich wieder. Kein Wunder bei dem Streß hier. Trotzdem hätte ich gern einen Schluck Whiskey gehabt. Aber als waschechter Müslimann durfte ich das natürlich nicht kundtun. Und noch einen Wunsch hatte ich, als ich Nada aus nächster Nähe sah, einen richtig altmodischen Chauvi-Wunsch. Den mußte ich auch für mich behalten. Vorsichtshalber. Ich wußte ja, was Nada mit Männern machte, gegen die sie was hatte.
Nada: Gammelst du nur so rum oder hast du was Bestimmtes vor?
Jonas: Ich bin auf der Suche.
Nada: Sind wir doch alle.
Jonas: Ich suche einen Typ namens Zombie.
Nada: Zombie, Zombie...
Jonas: Produziert Holos.
Nada: Ach der Zombie. Und zu dem willst du? Ganz schräge Idee, Alter. Wer zu dem geht, der taucht meist nicht wieder auf. Zombie hat einen großen Verschleiß, wenn er seine Holos macht.
Jonas: Hab ich gehört. Mord und Totschlag.
Nada: Und Massaker und Folter und Blutbäder. Und alles echt.
Jonas: Ich muß trotzdem hin. Weißt du, wo Zombies Studio ist?
Nada: Hier lang, immer gerade aus. Dahinter rechts im Niemandsland. Zwischen Freakadelien und Turkistan.
Jonas: Also dann.
Nada: Hast du keine Waffe?
Jonas: All you need is love, Schwester.
Nada: Lennonid bist du auch noch.
Jonas: Nicht direkt. Ich bin eher für Sankt Jonas.
Nada: Nie gehört.
Jonas: Schade.
Nada: Sei vorsichtig. Die Türken haben Vorposten im Niemandsland. Wenn die einen Freak schnappen, gehen sie recht ungut mit ihm um. Machs gut, Alter.
Jonas: Ich schlich durchs Niemandsland und hielt mich im Schatten von Häusern und Ruinen. Alles war still. Nur in der Ferne die fast unhörbaren Geräusche der Nachtmenschen. Und noch weiter weg, ein merkwürdiges Rattern und Knattern. Es hörte sich an wie ein Motor, ein Benzinmotor in einem Auto. Mir wurde ungeheuer nostalgisch. Ich dachte an schwarze Limousinen in Chicago und anderswo, an Bogart, mit zwei Fingern am Lenkrad, an Maschinenpistolen, die Feuer und Tod aus Autofenstern spuckten. Ich hätte besser an Laserstrahler denken sollen, denn was sich da plötzlich auf meinen grünen Bauchnabel richtete, das war ein Laserstrahler. Ein Laserstrahler in der Hand eines dicken Kerls in Turban und Pumphosen, und neben ihm stand noch so einer, natürlich auch mit Strahlerchen. Ich hatte allmählich die Nase voll von Typen, die mir Laser unter dieselbe hielten.
Türke: Hände schön oben, Kollege. Ganz ruhig. Du Freak, Kollege?
Jonas: Iwo. Ich bin die Bürgermeisterin von Babylon.
Türke: Lüge! Du Freak, Kollege. Wir nicht lieben Freaks.
Jonas: Muß ja nicht sein, Kollege, also, dann will ich mal wieder rüber, ne, in meine Gegend.
Türke: Halt! Freaks auslöschen Türken, Türken auslöschen Freaks. Mitkommen.
Jonas: Hör doch mal zu, ich bin ein grüner Freak, ich tu keiner Fliege was. Und gegen Türken hab ich schon gar nichts. Ich mag Türken. Janitschar. Heula. Mokka mit viel Zucker...
Türke: Schnauze! Mitkommen. Oder Loch in Bauch.
Jonas: Ja, wenn ihr mich so nett darum bittet.
Türke: Los, Kollege, Bewegung. Dalli Dalli!
Jonas: Erst ging’s über einen Graben, dann durch Ruinen im Zickzack zu einem noch ziemlich intakten Hochhaus am Kanal, wo wir die Treppen hochstiegen bis in den 10. Stock. Überall standen die Pumphosen-Jungs rum. Schwer bewaffnet, grimmig blickend. Und besonders grimmig kuckten sie auf einen armen Freak, der gar keiner war, und in Wirklichkeit Jonas hieß. Eine Tür wurde aufgestoßen, ich war mitten in 1001 Nacht. In 1001 Nacht, wie sie sich der kleine Ali vorstellen mochte, der seit Jahrzehnten im Reservat untergetaucht war, der kein richtiger Türke mehr war, aber auch kein Babylonier. Der eine Pidgin-Sprache redete, und sich eine Pidgin-Kultur erfunden hatte. An den Wänden hingen Teppiche aus dem Kaufhaus, in einer Ecke hockten Musikanten, die uns was pfiffen und trommelten, nicht schön, aber laut, davor tanzte eine nicht zu übersehende Dame heftig Bauch, ansonsten Pumphosen in Hülle und Fülle, um einen Mann herum, der allem Anschein nach die Ober-Pumphose darstellte. Er war nämlich noch dicker als die übrigen. Hatte einen noch größeren Turban. Und einen noch grimmigeren Blick.
Türke: Großmächtiger Padischa, erhabener Sultan Suleiman, hier dieser Freak gefangen an Grenze zu Turkistan.
Sultan Suleiman: Ah, oh, du Spion, Kollege.
Jonas: Aber nicht doch.
Sultan Suleiman: Auslöschen Freaks, auslöschen Spione.
Jonas: Nun mal langsam, alter Freund, ja. Aua.
Türke: So nicht reden zu Großherr von Turkistan, Kollege.
Jonas: Das Gefühl habe ich auch. Now ist the time for all good friends, Sammy, wenn sich einer auskennt mit Titel, Anreden und so, dann bist du das, hilf mir gefälligst.
Sam: Bitte mir nachzusprechen, Meister.
Jonas: OK, schieß los, Sammy.
Sam/Jonas: O erhabenes Großherr.
Sam/Jonas: Machtvoller Beherrscher der Gläubigen.
Sam/Jonas: Sonne von Weltall.
Sam/Jonas: Wonne in Erdkreis.
Sam/Jonas: Großmächtiger Sultan.
Sam/Jonas: Sei gnädig und lasse Erbarmen walten.
Sultan Suleiman: Ja, so gut, Kollege, so prima. Aber nichts bringen! Auslöschen Freak. Setzen auf Pfahl, Stecken in Sack, Schmeißen in Kanal.
Jonas: Bis jetzt hatte ich es im Guten versucht. Aber wenn die Herren Reservatstürken unbedingt wollten, bitte sehr, Jonas konnte auch anders. Ein Griff in den Stiefelschaft, ein Sprung, ich hatte den Sultan bei der Skalplocke und drückte ihm mein Messer an die Halsschlagader. Ob dieser Entwicklung der Dinge geriet der gesamte Hofstaat in begreifliche Unruhe.
Türken: Ah!
Jonas: So Majestät, jetzt gehen wir zusammen ans offene Fenster. Ich hoffe sehr, daß Ihre Paschas und Be sich ganz still und friedlich verhalten. Vor allem ihretwegen. Ich müßte Sie sonst auslöschen, und das wäre doch schade, ein so gewichtiger Mann, und Sultan dazu. So, alle bleiben auf ihren Plätzen, keiner kommt mir zu nahe. Soweit, so gut, was nun, Sammy?
Sam: Was befindet sich vor dem Fenster, Exzellenz?
Jonas: Sehr viel Luft, Sam, wir sind im 10. Stock.
Sam: Zweifellos, Herr Direktor, und unten?
Jonas: Unten, der Kanal.
Sam: Aha.
Jonas: Du meinst.
Sam: Na klar, Kumpel. Springen.
Jonas: Klar, lächerliche 30 Meter.
Sam: Wüßte nicht, was Durchlaucht sonst übrig bliebe.
Jonas: Ich leider auch nicht, Sammy. Leben Sie wohl, erhabene Sultan. Jeronimo.
Jonas: Ein Tritt dahin, wo er am dicksten war, beförderte Sultan Suleiman zurück in den Saal. Ein paar Augenblicke lang standen die Höflinge da wie erstarrt. Und als sie sich wieder rührten, war ich schon unten angekommen, und schwamm durch eine zähe, stinkende Brühe ans gegenüberliegende Ufer. Ein kurzer Klimmzug, wieder Schmerzen rechts hinten, aber ich rannte trotzdem los. Was sein muß, muß sein. Etwa 10 Millionen Türken waren hinter mir her, mir Gebrüll und mit Lasern. Und weil ihnen offenbar nichts wehtat, kamen sie immer näher. Die Situation erschien entschieden verbesserungsbedürftig. Als die schnellsten Verfolger nur noch wenige Meter entfernt waren, schoß plötzlich aus einer Seitenstraße ein Fahrzeug und blieb neben mir stehen. Mit offener Tür.
Nada: Steig ein, Alter.
Jonas: Nada.
Nada: Wundern kannst du dich später, nun steig schon ein, sonst haben Sie dich.
Jonas: Ein Benzinauto. Ein echtes Benzinauto. Wie lange bin ich in so was nicht mehr gefahren? 15 Jahre? 16 Jahre?
Nada: Im Reservat gibt’s noch ein paar.
Jonas: Das sehe ich. Und woher habt ihr das Benzin?
Nada: Manchmal finden wir ein unterirdisches Lager. Aus der alten Zeit. Als es noch Benzin zu kaufen gab. Und Autos noch nicht verboten waren. Das Reservat ist groß.
Jonas: Wo fahren wir eigentlich hin?
Nada: Wolltest du nicht zu Zombies Holostudio? Wir sind da.
Jonas: Ja, ich seh kein Studio. Nur ein Ruinenfeld. Und `nen kleinen Holzschuppen.
Nada: Eben. Der Schuppen ist das Studio. Das heißt, der Eingang zum Studio. Zombie arbeitet unter der Erde. Er scheut das Tageslicht. Mit recht.
Jonas: Ja, dann noch mal vielen Dank, Nada.
Nada: Hier, Alter. Falls du Probleme kriegst da unten. Machs gut.
Jonas: Damit drückte sie mir ihren Laserstrahler in die Hand. War doch mal ne nette Abwechslung, selber so ein Ding zu haben. Nützlich war’s auch. In der Bretterbude saß ein unfreundlicher Kraftmensch über Loch und Leiter, die nach unten führten. Und der war erst dann bereit, mit sich reden zu lassen, als ich ihn in die Mündung des Strahlers gucken ließ.
Wächter: Wie soll die heißen? Cora, Cora...
Jonas: Cora Marcus-Pallenberg.
Wächter: Nie gehört.
Jonas: Und so sieht sie aus.
Wächter: Nie gesehen. Hier. Gibt’s nicht bei uns. Bestimmt nicht. Hat’s auch nie gegeben.
Jonas: Ach ja, dein Chef hat sie gestern mitgebracht. Von draußen.
Wächter: Zombie? Quatsch, Zombie war schon vier Wochen nicht draußen, mindestens.
Jonas: Ach nein.
Wächter: Ach ja.
Jonas: Mach Platz, ich will mich unten mal umsehen.
Wächter: Nix. Niemand darf runter.
Jonas: Ach ja.
Wächter: Ah.
Jonas: Mit dem Laser legte ich ihn für ein paar Stunden schlafen. Dann tauchte ich ab in die Unterwelt. Und das meine ich ganz wörtlich. Was sich in den unterirdischen Produktionsräumen tat, war die Hölle. Es wurde gerade ein lehrreicher historischer Streifen gedreht, Argentinien 78 oder Schreie aus dem Keller. Sehr dokumentarisch. Sehr realistisch. Mit großem Verschleiß, wie Nada sich ausgedrückt hatte. Ich habe einiges schlimme gesehen, im Antarktischen Krieg und als Detektiv. Das hier war schlimmer. Ich fühlte mich versucht, als edler Ritter von der Tafelrunde mit meinem Laserschwert aufzuräumen, aber es waren zu viel Drachen da. Einerseits. Und andererseits hatte ich das Gefühl, daß ich ganz vordringlich ein paar Dinge klären müßte, die mich persönlich betrafen. Also stellte ich meine Fragen und stieg dann ganz schnell wieder nach oben.
Jonas: Also, Sammy, die Sache sieht so aus: Alle hier sagen d***be: Eine Cora Marcus-Pallenberg kennen sie nicht. Haben sie auch nie gesehen. Und Zombie ist seit Wochen im Reservat. Er war also nicht draußen bei den Marcus-Pallenbergs. Er hat Cora nicht ins Reservat mitgenommen, das steht fest.
Sam: Daraus ergibt sich, o weiser Sherlock Holmes, Frau Marcus-Pallenberg hat gelogen.
Jonas: Elementar, mein lieber Watson. Frage: Warum hat Frau Marcus-Pallenberg gelogen. Au.
Sam: Wieder Schmerzen, mein Herr und Gebieter?
Jonas: Jawohl, und wieder die rechte Hinterbacke. Möchte wissen, was ich mir da geholt habe. Hallo.
Sam: Wie belieben?
Jonas: Da ist was, Sammy. Unter der Haut. Was Festes.
Sam: Empfehle dringend, besagtes festes Objekt zu entfernen.
Jonas: So, und wie?
Sam: Herausschneiden, mittels dero Hoheit Taschenmesser.
Jonas: Hat das nicht Zeit, Sam, bis wir wieder in der Zivilisation sind, der sogenannten?
Sam: Nein, Holzkopf, rausschneiden, fix.
Jonas: Wenn’s denn sein muß.
Sam: Und vorsichtig, Boss, ganz ganz vorsichtig.
Jonas: Auch dieses, Sammy. So. Du hast den richtigen Riecher gehabt, Sam. Eine Bombe. Eine implantierte Mini-Bombe aus Plastkonzentrat. So groß wie ein Eurostück. Das reicht für ne mittlere Kleinstadt.
Sam: Aus diesem Grunde sind Eminenz betäubt und entführt worden.
Jonas: Genau Sam, Maske hat mir die Bombe untergeschoben, im wahren Sinne des Wortes. Aber warum denn bloß? Was wird hier gespielt? Kannst du mir das sagen?
Sam: Gewiß, o Rächer der Enterbten. Herr Theo Maske ist Direktor einer legalen Holovisions-Produktion. Diese Produktion hat erhebliche finanzielle Einbußen zu verzeichnen. Der Grund: Die von Zombie hergestellten echten Mord- und Folter-Holos sind weitaus erfolgreicher als Herrn Maskes Produkte. Herr Maske hat also allen Anlaß, sich der gefährlichen Konkurrenz zu entledigen. Da Zombie seine Produktion im Reservat betreibt, ist er für Herrn Maske direkt nicht erreichbar. Herr Maske geht daher indirekt vor. Er schickt einen nichts ahnenden Bombenträger ins Reservat, eine lebende Bombe.
Jonas: Halt mal, das stimmt so nicht. Maske hat mich nicht geschickt. Das war Frau Marcus-Pallenberg, weil ich ihre Tochter aus dem Reservat holen sollte.
Sam: Ein unzutreffender Vorwand, wie sich nunmehr herausstellt, euer Denkwürden. Cora Marcus-Pallenberg hat das Reservat überhaupt nicht betreten.
Jonas: Moment. Moment, Sam. Ich hab ne Idee.
Sam: Ich höre und staune, Hoheit.
Jonas: Wem gehört der Laden?
Sam: Laden? O Brunnen des Tiefsinns?
Jonas: Lust & Qual, die Holofirma, wo Maske Direktor ist.
Sam: Einen Augenblick, Chef. Piep. Besitzer der Firma laut Handelsregister: Orsonsche Erben.
Jonas: Und wer sind die Orsonschen Erben?
Sam: Momentchen Boss. Piep. Es gibt nur einen Orsonschen Erben. Der Name: Dahlia Marcus-Pallenberg.
Jonas: Na bitte. Das ganze ist ne abgekartete Sache. Alle stecken unter einer Decke. Maske, die Marcus-Pallenberg und natürlich auch...
Sam: Bitte die Unterbrechung ihrer erhabenen Gedankengänge zu verzeihen, großer Lehrmeister, doch wäre es höchst ratsam, vor allen weiteren ohne Zweifel hochinteressanten Schlußfolgerungen die Bombe abzulegen und schleunigst von dannen zu eilen. Jeden Augenblick kann durch elektronische Zündung eine Explosion ausgelöst werden.
Jonas: Apropos Zündung, aus welcher Entfernung kann die Bombe gezündet werden?
Sam: Bei einer Mini-Bombe, wie Exzellenz Sie in sich herumtrugen, beträgt die maximale Zündungsdistanz 500 Meter.
Jonas: Aha. Na dann weiß ich den richtigen Platz für Maskes Liebesgabe.
Jonas: Es war kein Problem, die kaum mehr als fingernagelgroße Bombe gut unterzubringen, und als ich mich dann dranmachte, von dannen zu eilen, wie Sam mir geraten hatte, wer stand vor der Tür und wartete auf mich? Natürlich Nada. Nada, die Unvermeidliche, die Allgegenwärtige, Nada, mein Schutzengel, immer zur Stelle, wenn ich Schwierigkeiten hatte und Hilfe brauchte.
Nada: Gib mir den Laser zurück, Alter. Danke. Hast du gefunden, was du suchst?
Jonas: Mehr oder weniger.
Nada: Such’s noch mal.
Jonas: Wieso?
Nada: Du gehst wieder runter, Alter.
Jonas: Nicht nötig, ich bin hier fertig.
Nada: Im Gegenteil, Alter, dein großer Auftritt kommt erst. Runter mir dir. Tut mir leid, Alter, so ist das nun mal. Machs gut.
Jonas: Nada, die so selbstlos dafür gesorgt hatte, daß ich mein Ziel erreichte, die dafür gesorgt hatte, daß die Mini-Bombe ihr Ziel erreichte, mit Jonas natürlich, aber Jonas war nur Transportmittel, und würde bald entbehrlich sein. Alles war klar, sonnenklar, laserklar, bombenklar. Ich machte ein dummes Gesicht, fällt mir nicht schwer, ging langsam zurück in den Schuppen, und zog die Tür hinter mir zu. Blitzschnelles Umschalten in den Schnellgang, ich riß das Fenster auf der gegenüberliegenden Seite auf, sprang raus, rannte, rannte um mein Leben. Ich wußte, was gleich p***eren würde... Nada löste die Zündung aus, die Bombe explodierte, und nahm mit sich hoch, Nadas Laserstrahler, daran hatte ich sie festgemacht, Nada selbst, ein Benzinlager, auf dem sie gestanden hatte, ohne es zu ahnen, Zombies höllische Holo-Produktion, diverse Ruinen, Geröllhalden, und beinahe auch Jonas, der kräftig durchgeschüttelt wurde, sich ein paar dicke Beulen holte, nur mit Mühe über die Mauer kam, und nach Hause humpeln mußte. Und hier, Magen hin, Magen her, trank ich meinen ganzen Whiskey-Vorrat aus, verbissen und zielstrebig, und fiel dann ins Bett. Als ich aufwachte, war es heller Tag. Ich hatte einen miesen Geschmack im Mund, und ein mieses Gefühl innen drin. Und mir wurde nicht besser, als ich den News-Kanal einschaltete.
Nachrichten-Sprecherin: Aus unbekannter Ursache kam es in den heutigen frühen Morgenstunden zu einem Großfeuer im Bereich des sogenannten Reservats. Über den entstandenen Schaden gibt es noch keine genaue Übersicht. Wie verlautet, wurde ein illegales Holovisions-Studio völlig vernichtet, wobei erhebliche Opfer an Menschen und Material zu beklagen sein sollen. – Ein Terroranschlag der Kusbekischen Befreiungsfront hat, wie der Pressesprecher der...
Jonas: Also Schwamm drüber und Strich drunter. Oder?
Frau Marcus-Pallenberg: Hallo?
Jonas: Jonas hier.
Frau Marcus-Pallenberg: Wa... Was?
Jonas: Überrascht, Frau Marcus-Pallenberg?
Frau Marcus-Pallenberg: Ja, äh nein nein, nein, wieso? Warum sollte ich überrascht sein?
Jonas: Weil Jonas eigentlich tot sein müßte. Im Reservat. In Zombies Holostudio. In vielen tausend kleinen Stücken.
Frau Marcus-Pallenberg: Was reden Sie? Haben Sie getrunken? Übrigens, da Sie gerade anrufen, Cora ist wieder da.
Jonas: Sie setzen mich in Erstaunen, Frau Marcus-Pallenberg.
Frau Marcus-Pallenberg: Ja, die Sache war ein Irrtum. Damit ist mein Auftrag gegenstandslos. Ich brauche Sie nicht mehr.
Jonas: Legen Sie nicht auf, Frau Marcus-Pallenberg. Ich hätte mich gerne noch mit Ihnen unterhalten.
Frau Marcus-Pallenberg: A ja, ich verstehe, schicken Sie Ihre Rechnung ein, ich will sehen, was sich tun läßt.
Jonas: Nicht darüber, Frau Marcus-Pallenberg. Über den Konkurrenzkampf in der Holo-Industrie, und über eine gewisse Bomben-Idee. Wissen Sie, Jonas hat es gar nicht gern, wenn man ihn a) für dumm verkauft, und b) als lebende Bombe mißbraucht.
Frau Marcus-Pallenberg: Sie reden irre. Sehen Sie sich vor. Wenn Sie derartiges in der Öffentlichkeit wiederholen, werden wir Sie belangen, Maske und ich. Sie können nichts beweisen.
Jonas: Solche Auftraggeber loben wir uns, was Sammy?
Sam: Pflegt es sich denn nicht stets so zu verhalten, o großer Sekretär des Politbüros?
Jonas: Ich versteh nicht, Sam, was pflegt sich wie zu verhalten?
Sam: Entpuppt sich nicht in der Regel der Auftraggeber als der wahre Bösewicht, hinter den Kulissen?
Jonas: O Sammy, ich hab dich wohl zu viel mit Chandler gefüttert.
Sam: Durchlaucht belieben zu irren. Wie war es denn erst kürzlich im Fall um die Raumstation Safari?
Jonas: Safari? Kein Vergleich, Sam, gar kein Vergleich. Diesmal war alles Schwindel. Von A bis Z. Alle haben mich angelogen. Die Marcus-Pallenberg. Maske. Nada. Und für Nada hatte ich wirklich was übrig.
Sam: Kopf hoch, Kumpel, vergiß es, ein neuer Tag, ein neues Glück, das Leben geht weiter, und wenn die Welt voll Teufel wär.
Jonas: Nur Computer sind anständig. Computer lügen nicht. Alle Kreter lügen immer. Jeder Mensch sagt jederzeit die Unwahrheit. Der Computer nie. Dafür sagt er oft Blödsinn, oder Sam?
Sam: Unzureichende Daten, o du GröJAZ.
Jonas: Wie bitte?
Sam: Größter Jonas aller Zeiten.
Jonas: Meine Rechnung hab ich später doch noch eingereicht. Honorar für einen Arbeitstag, Spesen, Schmerzensgeld. Nicht viel, aber besser als die Volksrente allemal. Frau Marcus-Pallenberg hat anstandslos gezahlt. Stolz ist was feines, aber Stolz kann man nicht essen. Und trinken auch nicht. Ich mußte mir doch einen neuen Whiskey-Vorrat anlegen.
Das war Reservat. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus. Sein Supercomputer Sam war Joachim Wichmann. Es wirkten außerdem mit: Astrid Jacob, Madeleine Stolze, Michael Gahr, Michael Habeck, Erich Hallhuber, Joachim Höppner, Herbert Weicker, und andere (Bernd Stephan, Ilse Neubauer). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Heiner Schmidt. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1984). Redaktion: Dieter H***blatt und Erwin Weigel.
Jonas
Donnerstag, 28. August 2025 07:11
Safari
Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Safari
Jonas: Der Löwe war kein echter Löwe. Natürlich nicht. Seit Jahren gab es keine Löwen mehr auf der Erde. Und in einer Raumstation schon gar nicht. Aber echt oder nicht, der Löwe war da. Und er sah gefährlich aus. So gefährlich, daß Jonas vorsichtshalber erst mal rannte und sich einen hohen Baum suchte. Kokospalme oder Bandiang, was weiß ich. Auf Bäumen haben Löwen nichts zu suchen. Das wußte ich. Und das wußte auch der Löwe, zu meinem Glück. Ich wartete, bis mein Puls wieder unter Schallgeschwindigkeit war, und dann versuchte ich Sam über Funk zu erreichen.
Jonas: Sam! Sammy! Wo steckt der verrückte Blechkanister? Sam!
Sam: Hat mein Herr und Meister gerufen?
Jonas: Gerufen? Gebrüllt habe ich. Hör zu, du Spottgeburt von Chips und Eisen.
Sam: Om mani padme hum. Om mani padme hum. Om mani padme hum.
Jonas: Was?
Sam: Om mani. O fleischgewordener Buddha. Das heißt.
Jonas: Ist mir völlig wurscht, was das heißt. Hab ich dir nicht gesagt, du sollst dich auf der Notfrequenz bereithalten, rund um die Uhr.
Sam: So ist es, o Ozean aller Weisheiten. Doch hat nicht auch ein Computer gewisse, sagen wir es frei heraus, gewisse seelische Bedürfnisse. Ein wenig Meditation.
Jonas: Meditation?
Sam: Yoga, o du Kleinod im Lotus. Tantra. Fernöstliche Mystik.
Jonas: Sam, wenn du nicht auf der Erde wärst, gut 4000 km weit weg, würde ich dir einen Tritt verpassen, daß deine Modulen jodeln.
Sam: Wie spricht Buddha? Innere Ruhe, Frieden, Abgeklärtheit. Dies alles ist weit wertvoller denn das kostbarste Juwel. Und ferner sagt er...
Jonas: Schluß damit, Sam. Paß mal auf: Hier sind die Algen am kochen.
Sam: OK, Chef. Werden wir abgehört?
Jonas: Nehm ich an.
Sam: Also Frequenzwechsel. Plan 17.
Jonas: Alles klar. – Sam? Bist du noch da, Sam?
Sam: Dieses, o Freude meiner Schaltkreise, ist die große Frage. Denn ist nicht, was hier ist, auch da, und was da ist, hier?
Jonas: Soll sein, Sammy, aber die Riesenschlage ist leider hier und nicht da.
Sam: Welche Riesenschlange, o Licht des Karma?
Jonas: Die hier angeringelt kommt. Python. Boa constrictor. In dieser Preisklasse.
Sam: Es gibt keine boa constrictor mehr, o Meister magischer Mysterien. Und auch keine Python.
Jonas: Weiß ich selber, du kannst gern raufkommen und dir das Vieh ankucken. Ich muß los, Sam. Bleib dran.
Sam: Alle Erscheinungen des Lebens lassen sich vergleichen mit einem Traum, einem Gebilde der Fantasie, einer Phase, einem Schatten...
Jonas: Amen. Schön wär’s. Aber die Löwen und Schlangen ließen sich beim besten Willen nicht wegmeditieren. Und alle diese interessanten Bestien hatten nur ein Ziel: Sie wollten Jonas. Und wenn sie ihn hatten, dann wollten sie ihn bestimmt nicht bloß streicheln. Da hatte ich mich wieder mal voll reingesetzt. Genauer gesagt, ich war reingesetzt worden. Als das Telefon klingelte, gestern, am 5. Juni 2009, kurz nach Mitternacht, schlief ich noch sorglos den Schlaf des Gerechten. Hätte ich geahnt, was auf mich zukam, wäre ich unters Bett gekrochen. Oder ausgewandert.
Jonas: Huah-Ah! Crembell goodwell. Ja?
Jonas: Das Telefon klingelte. Laut und unfreundlich. Ich griff mir den Hörer und meldete mich. Das Telefon klingelte immer noch. Ich machte die Augen auf. Was ich mir mit der Hand ans Ohr hielt, war mein Wecker.
Jonas: Shit. Jonas. Was ist los?
Quartz: Jonas? Nur Jonas.
Jonas: Jonas, nur Jonas. Und Jonas, nur Jonas, hat gerade geschlafen. Es ist jetzt, Sammy.
Sam: Mit dem letzten Ton ist es genau 0 Uhr, 13 Minuten und 5 Sekunden. Piep.
Jonas: Sie hören es. Rufen Sie am Morgen wieder an, wer immer Sie sind.
Quartz: Ich bin Oleander Quartz.
Jonas: Morgen, Herr Quartz.
Quartz: Sie kennen mich nicht.
Jonas: Ich bin viel zu müde, um Sie zu kennen. Morgen.
Quartz: Ich habe einen Auftrag für Sie.
Jonas: Und wenn Sie mich mit Gold überziehen und mir den Koh-i-Noor in den Nabel setzen wollen. Morgen.
Quartz: Die Koh-i-Noor. Das wäre ein wenig zu viel des Guten. Aber eine nicht unerhebliche Summe hatte ich Ihnen in der Tat zugedacht.
Jonas: Also gut, ich bin sowieso schon fast wach. In ein paar Minuten rufe ich zurück.
Quartz: Nein, ich rufe Sie wieder an. In genau einer viertel Stunde.
Jonas: Quartz, Sammy, Oleander Quartz.
Sam: Was ist ein Name, ehrwürdiger Guru.
Jonas: Sam ist mein Computer. Er kann viel, fast alles. Sprechen auch, leider. Sam ist ein Versuchsmodell. Der intellektuelle Computer für den Intellektuellen. Ich habe ihn trotzdem gekauft. Seinerzeit 2005. Weil er billig war. McCoy-Computers haben ihn damals verramscht. Der gute Sam war kein Erfolg. Er geht den Leuten auf die Nerven, außerdem ist er nicht normal. Seine Sprachprogramme haben sich verdreht und durcheinander geschoben. Ich komm im Allgemeinen klar mit ihm, aber manchmal tut’s mir doch leid, daß ich ihn am Hals habe, bzw. in meinem Büro oder als drahtlose Extension in der Hosentasche. Vor allem, wenn er auf irgendeinem esoterischen Trip ist. Wie jetzt.
Sam: O Bhagwan, was ist ein Name.
Jonas: Ich sage nur Schrottmühle, Sammy. Laß den Quatsch und sag mir, wer Oleander Quartz ist.
Sam: Hören ist gehorchen, großmächtiger Sultan. Piep. Oleander Quartz, geboren 24. 4. 1900.
Jonas: 109 Jahre alt, Respekt.
Sam: Oleander Quartz ist Begründer und erster Direktor von Orbis International, Raumstationen und Satelliten en gros.
Jonas: Der Kringelkönig. War mich doch gleich so, als ob ich den Namen kenne.
Sam: Oleander Quartz ist mehrfacher Milliardär, er lebt äußerst zurückgezogen an unbekanntem Wohnsitz. Sein Vorbild ist der historische Industrielle Howard Hughes, Mitte des vorigen Jahrhunderts.
Jonas: Kenn ich, Sam.
Sam: Falls Exzellenz weitere Daten wünschen. Oleander Quartz ist zumindest nominell Mitglied im Club der Milliardäre und im interkontinentalen Jagdclub Halali, ferner.
Jonas: Nicht nötig, Sammy. – Jonas.
Quartz: Oleander Quartz. Ich spreche ungern mit unsichtbaren Partnern. Gehen Sie auf Bildfon.
Jonas: Ich drückte den Knopf, der den Bildfonkanal freigibt. Was Quartz jetzt sah, wußte ich. Einen unausgeschlafenen Mann in den 40ern. Kräftig und altmodisch. Ich mach mir nämlich nichts aus Körpermalerei. Um den Mann herum ein Büroapartment, Kategorie mittel-unten, 22 Quadratmeter. Nicht aufgeräumt natürlich. Auf meinem Bildschirm war nur ein Gesicht. Uralt, mehrfach geliftet und trotzdem faltig, die dünnen weißen Haare waren echt, auch wenn sie ihrem Besitzer auf höchst merkwürdige Weise zu Berge standen. Die grauen Augen wirkten weder echt noch alt. Offensichtlich Neuerwerbungen, gerade erst transplantiert.
Quartz: Sehen Sie mich?
Jonas: Ich sehe Sie, Herr Quartz, Sie sehen mich. Was soll ich für Sie tun?
Quartz: Nicht so schnell, junger Mann. Zuerst ein paar Fragen. Sie haben als Söldneroffizier am antarktischen Krieg teilgenommen?
Jonas: Auf der Verliererseite.
Quartz: Das interessiert mich nicht. Sie sind also militärisch ausgebildet?
Jonas: Ja, aber.
Quartz: Wo?
Jonas: Wollen wir nicht zur Sache kommen?
Quartz: Ich bin bei der Sache. Wo sind Sie ausgebildet worden?
Jonas: Wenn’s denn sein muß. Grundkurs hier in Babylon, und dann zwei Lehrgänge an der Universität von Managua, Kommandotechnik und Taktik der Guerilla. Sonst noch was?
Quartz: Demnach kann man Sie als Experten in allen martialischen Künsten bezeichnen.
Jonas: Wenn Sie es so ausdrücken wollen.
Quartz: Und Sie sind Detektiv. Der letzte Detektiv. So nennen Sie sich. Warum?
Jonas: Warum was?
Quartz: Warum der letzte?
Jonas: Weil`s stimmt. Natürlich gibt’s noch ein paar Leute, die sich Detektiv schimpfen, aber die sind bloß Wächter, Leibwächter, Nachtwächter, Heinzelmännchens Wachtparade. Nichts für Jonas. Ich bin der letzte wirkliche Detektiv. Wenigstens in den Vereinigten Staaten von Europa. Ganz bestimmt in Babylon.
Quartz: Was für ein Stilbruch. Jonas, vielleicht wissen Sie es, Jonas gehört nicht nach Babylon. Jonas gehört nach Ninive.
Jonas: Ha-ha. Hören Sie zu, Herr Quartz, nichts gegen einen kleinen Plausch um Mitternacht, aber vielleicht sagen Sie mir jetzt doch, was Sie von mir wollen.
Quartz: Meine Sekretärin, meine Privatsekretärin, Linda Lorant.
Jonas: Ich höre.
Quartz: Sie ist seit zwei Tagen verschwunden.
Jonas: Ach was.
Quartz: Sie hat sich nicht bei mir gemeldet, und in ihrem Apartment ist sie auch nicht.
Jonas: Die kl***sche Frage, Herr Quartz, warum gehen Sie nicht zur Polizei?
Quartz: Die kl***sche Antwort: Es handelt sich um einen besonderen Fall.
Jonas: Was Sie nicht sagen.
Quartz: Mit Linda sind Daten verschwunden. Daten, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Vertrauliches Material für meine Memoiren.
Jonas: Erpressung?
Quartz: Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Auf jeden Fall will ich die Daten zurück haben. Sie, Jonas, werden sie suchen und finden, natürlich.
Jonas: Im Prinzip ja, Herr Quartz. Aber vorläufig sind Sie für mich nur ein Gesicht auf dem Bildfon.
Quartz: Rufen Sie Ihr Konto ab. Nummer 27 27 41 B, Bank von Babylon.
Jonas: Sie sind gut informiert, Herr Quartz. Sam?
Sam: Der Kontostand euer Hoheit beträgt zur Zeit genau 1240 Euros und 13 Cents.
Quartz: Vor einer halben Stunde hatten Sie nur 240 Euros, 13 Cents. Die 1000 sind von mir. Vorschuß.
Jonas: Ich kriege 80 Euros pro Tag, und Spesen.
Quartz: Ich zahle das Doppelte. Dafür erwarte ich, daß Sie unauffällig vorgehen. Und Ihr Bestes geben, versteht sich. Die Informationen, die sich brauchen, Bild, Bürgernummer, Wohnung etc, lasse ich Ihrem Computer einspielen. Ihren ersten Bericht erstatten Sie heute Abend.
Jonas: Wie kann ich Sie erreichen?
Quartz: Ich rufe Sie an.
Jonas: 1000 Euros. Nicht schlecht. Ein warmer Regen auf den heißen Stein. Aber wieso man zum Sekretärinnen-Suchen martialische Künste brauchte, war mir nicht so recht klar. Egal. Am nächsten Morgen rief ich Judith an. Judith ist meine z.B., meine zeitweilige Beziehung. Vielleicht wird mal eine D.P. daraus, eine Dauerpartnerschaft. Sie sehen, Jonas ist zurückgeblieben. Der älteste Hut: Eine Frau und ein Mann. Kein Dreieck, keine Gruppe oder so was. Judith ist nicht nur meine z.B., sie hat auch eine höhere Position im Ministerium für Statistik und Soziographie. Insofern kann ich ganz zwanglos das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.
Jonas: Ich seh dir in die Augen, Kleines.
Judith: Diese verrückte Welt. Was wird noch alles p***eren. Sehen wir uns heute Abend?
Jonas: Ich plane nie soweit voraus.
Jonas: Wir sind beide Nostalgiker. Unsere Zeit ist die Mitte des 20. Jahrhunderts. Eine wilde, eine aufregende Zeit. Die Zeit von Philip Marlowe und Humphrey Bogart, und von Ingrid Bergman, nicht zu vergessen. Bißchen Casablanca-Turtel muß sein. Aber dann kam ich zur Sache, und sagte Judith, was ich von ihr wollte. Ein Persönlichkeitsprofil von Linda Lorant.
Judith: Wer ist das?
Jonas: Ein Fall. Ich brauch die Daten für einen Fall.
Judith: Natürlich. Nur für einen Fall?
Jonas: Ach, das, das würde ich nicht sagen.
Judith: Jonas.
Jonas: Doppeltes Honorar, 1000 Euros Vorschuß, da freut sich auch Privatmensch Jonas. Judith, ich glaube, du bist eifersüchtig.
Judith: Unsinn.
Sam: Eifersucht. Antiquierter Begriff für einen antiquierten Gemütszustand. Ungebräuchlich seit der Jahrtausendwende.
Judith: Du hältst dich raus, Sam.
Sam: Obzwar ein Computer per definitionem lediglich gehalten und verpflichtet ist, den Anordnungen seines rechtmäßigen Herrn und Meisters zu folgen, siehe Gebrauchsanleitung, Seite 6 folgende, will Sam als Kavalier sich der Bitte der hohen Frau nicht verschließen und...
Jonas: Sammy, halt die Klappe.
Sam: Befehl, Klappe halten.
Judith: Falls du jetzt ein bißchen Zeit für mich hast, Jonas, hier sind die Daten: Linda Lorant, Bürgernummer...
Jonas: Ist bekannt. Wohnung auch.
Judith: 40 Jahre alt, Sekretärin, völlig alleinstehend, keine Beziehung, keine Partnerschaft. Magister Artium Kommunikationstechnik, ehemals europäische Hochschulmeisterin im Siebenkampf, schwarzer Gürtel Karate, keinerlei Interesse an Holovision und sonstigen kulturellen Aktivitäten. Hobby: Einzelwandern in Island, Zentralaustralien, Wüste Gobi. Reicht das?
Jonas: Danke Judith. Sehen wir uns?
Judith: Wenn dein Fall dir Zeit läßt, und dein geliebter Blech-Professor nichts dagegen hat. Ruf mich an.
Sam: Wie ich anzumerken bereits Gelegenheit hatte, ist Eifersucht.
Jonas: Eine Sache, die dich nicht das Geringste angehrt. Kümmere dich um unseren Fall. Reden ist Silber, denken ist Gold. Na, was ist, Sammy?
Sam: Ich denke, o unauslotbare Erhabenheit, wie es mein Herr mir befahl.
Jonas: Sehr schön, Sam. Und was denkst du?
Sam: Ich denke, o du mein ein und alles, eine tüchtige Person, diese Linda Lorant. Sportlich.
Jonas: Was du nicht sagst. Da wäre ich ohne dich nie draufgekommen.
Sam: Man könnte auch sagen: martialisch.
Jonas: Aha. Und? Was schließt du daraus?
Sam: Aufgrund unzureichender Daten sieht Sam sich zu Folgerungen vorerst nicht in der Lage.
Jonas: Also Schluß mit der Spekulation. Beinarbeit ist angezeigt. Sehen wir uns das Apartment der Dame mal von innen an.
Sam: Ein Vorschlag, o Retter der Witwen und Waisen, welcher Sams volle Zustimmung findet.
Jonas: Quartz zahlte. Deshalb konnte ich es mir leisten, fremde Beine für mich arbeiten zu lassen. Ein Rikscha-Kuli strampelte sich ab, und nach einer guten halben Stunde war ich da, im Westen. Nicht weit vom Markgrafenboulevard. Hier roch es nach Geld. Nicht nach abgegriffenen 10-Euroscheinen, sondern nach den allerbesten Aktien. Und nach Schecks mit vielen Nullen. Linda Lorant wohnte im Turm zu Babel. 40 Stockwerke, 4000 Apartments. Und der Turm war gut bewacht. Ein grimmiger Drache gleich neben der Tür in der Eingangshalle, ein zweiter weiter hinten, vor einer Konsole von Monitoren. Auf den ersten Blick war da nur mit Gewalt was zu machen. An sich kein Problem für Jonas, wenn sich Quartz nicht jedes Aufsehen verbeten hätte. Und der Auftraggeber hat grundsätzlich immer recht. Also erst mal in eine nahe Bar, um mit Sam Rat zu pflegen. Mit Sam zwo natürlich, der drahtlosen Extension in Taschenausführung.
Automatenstimme: Ihr Synth-Brandy, mein Herr oder meine Dame. Der Rechnungsbetrag wird von Ihrem Konto abgebucht. Vielen Dank.
Jonas: Wuäh.
Sam: Voll im Aroma, herrlich im Geschmack, Synth-Brandy, edler als Cognac.
Jonas: Du glaubst auch alles, Sammy, zur Sache, wie kommen wir in Linda Lorants Apartment?
Sam: Das, hochzuverehrender älterer Bruder, ist eine schwierige Frage.
Jonas: Denk dir was aus. Wer von uns beiden ist denn der Computer?
Sam: Könnten Hoheit nicht eines Apartments bedürftig sein?
Jonas: Wieso? Ach so. Gar nicht schlecht, Sammy, gar nicht schlecht. Wem gehört der Turm zu Babel?
Sam: Der TuBa. Turmbau-zu-Babel GmbH.
Jonas: Sieh dir die Angebotstafel durch. Wir brauchen ein leer stehendes Apartment im, äh, wo wohnt die Dame Lorant?
Sam: Ich achten Stockwerk, o Sonne meiner Seele. Apartment 813.
Jonas: Also möglichst im 8. Stock. Oder in der Nähe.
Sam: 713 ist zu haben, Chef.
Jonas: Direkt darunter. Besser geht’s doch nicht. Telefon!
Automatenstimme: Bitte sehr, mein Herr oder meine Dame. Wünschen Sie auch Bildfon?
Jonas: Nicht nötig.
Automatenstimme: Schieben Sie die rechte Hälfte ihrer Kontokarte in den Schlitz vorn am Gerät. Der Betrag wird abgebucht. Danke sehr.
Jonas: Über Telefon verkündete ich dem Oberwächter im Turm, ich sei die TuBa und würde in Kürze einen Interessenten für Apartment 713 rüberschicken. Einen gewissen Herrn Jonas.
Jonas: So, damit sind wir erst mal drin.
Sam: Und dann, wenn Hoheit die Frage gestatten?
Jonas: Wird sich ergeben, Sammy. Ein schlauer Mensch hat mal gesagt, man soll den zweiten Schritt nicht vor dem ersten tun.
Sam: Es steht aber auch geschrieben, Sahib, der kluge Mann baut vor.
Jonas: Frisch gewagt ist halb gewonnen.
Sam: Erst wägen, dann wagen.
Jonas: Er muß eben immer das letzte Wort haben, der gute Sam. Im Turm lief alles wie am Schnürchen. Der mietlustige Herr Jonas wurde von einem der Drachen in den 7. Stock gefahren, und sah sich das freie Apartment an.
Jonas: Ja, recht hübsch.
1. Wächter: 40 Quadratmeter. Berechtigungsschein für diese Wohnraumklasse haben Sie doch, oder?
Jonas: Mein bester, was für `ne Frage. Selbstverständlich besitze ich den Wohnberechtigungsschein. Tja, recht hübsch, wie gesagt. Äh, lassen Sie mich ein paar Minuten allein, ja? Ich, ich muß die Atmosphäre auf mich wirken lassen. Aura. Vibration. Wenn Sie verstehen, was ich meine.
1. Wächter: Das ist eigentlich nicht gestattet.
Jonas: Und uneigentlich? 10 Euros?
1. Wächter: Alles klar. Und melden Sie sich über Hausfon, wenn Sie fertig sind, ja?
Jonas: Ich gab ihm drei Minuten, und machte mich dann auf in den Keller. Über die Treppe. Todsicher. Im Turm zu Babel sind Treppen nur Kunst am Bau. Im Keller stand, wie ich erwartet hatte, das Herzstück der elektronischen Überwachungsanlage. Ein m***ver Steuercomputer.
Sam: Hä hä hä hä. Uraltes Modell. Mit so was spricht unser einer überhaupt nicht.
Jonas: Wird dir gar nichts anderes übrig bleiben, Sammy. Wie willst du den alten Kasten außer Gefecht setzen, ohne Interface. Und außer Gefecht setzen müssen wir ihn.
Sam: Ohne jeden Zweifel, Herr Kapellmeister. Ein schwieriges Unterfangen. Was die Sicherung der Fenster betrifft, muß ich mich als gänzlich machtlos bekennen.
Jonas: Machtlos? Wie das, o du mein elektronischer Alleskönner?
Sam: Es handelt sich, o du vor allen Computern preiswürdiger Menschenverstand, um ein elektrisch-mechanisches System. Eine echte Antiquität aus dem mittleren 20. Jahrhundert.
Jonas: Und da kannst du gar nichts machen, Sam?
Sam: Kein Stück, Boss. Andererseits die TV-Kameras an den Eingangstüren der bewohnten Apartments ließen sich mit Leichtigkeit ausschalten.
Jonas: Ah, du willst der Kamera vor Apartment 813 ein Standbild einspielen, nehme ich an.
Sam: Ausgezeichnet, hochwertiger Chef, aber nicht ganz korrekt. Ich beabsichtige, das nunmehr gezeigte Bild, auf welchem die geschlossene Tür, und nur die geschlossene Tür zu sehen ist, für eine gewisse Zeit festzuhalten. Eine halbe Stunde. Wäre dies dem Herrn genehm?
Jonas: Die Treppen rauf, im Geschwindschritt, ganz schön anstrengend die Detektiverei, Türschloß knacken, Kleinigkeit, umsehen. 813 war ein ganz normales 40-Quadratmeter-Apartment. Ordentlich, aufgeräumt. Ein Zimmer, Bad, Kochkonsole, Echtholzmöbel, Servicetextgerät, Bildfon, Holoset.
Jonas: Moment mal, Holoset. Da war doch was.
Sam: Laut Persönlichkeitsprofil, beigesteuert von meines großen Meisters menschlicher Gefährtin, pflegt die Bewohnerin dieses Apartments sich den Wonnen der Holovision nicht hinzugeben.
Jonas: Wenn ich den Set anstelle, p***ert gar nichts. Und das heißt.
Sam: Der Apparat ist eine Attrappe, o scharfsinnigster aller Detektive.
Jonas: Du merkst auch alles, Sam. Machen wir das Ding mal auf. Was hat ein kluger Detektiv stets bei sich? Nachschlüssel. Paßt nicht. Brecheisen.
Sam: Und seinen Computer. Dürfte dieser, eurer illustren Durchlaucht empfehlen, auf den kleinen roten Hebel rechts unten zu drücken. Auf diesen da, ganz recht.
Jonas: Sieh mal an, ein Tresor. Wertpapiere. Schmuck.
Sam: Interessant, o allerwertester, jedoch kaum das, was wir suchen.
Jonas: Und was suchen wir, Sam?
Sam: Eminenz belieben zu scherzen. Das Herrn Quartz entwendete Material natürlich. Das heißt konkret: Disketten. Kassetten.
Jonas: Sam, hier ist `ne Kassette. Kommando zurück, ist ne leere Hülle.
Sam: Welche aller Wahrscheinlichkeit nach das fragliche Datenmaterial enthalten hat. Linda Lorant hat es mitgenommen, als sie das Apartment verließ.
Jonas: Letzteres offenbar freiwillig. Kein Anzeichen von Gewaltanwendung. Frage: Wohin ist Linda Lorant gegangen?
Sam: Wie ihr Persönlichkeitsprofil zeigt, besitzt sie kein Fahrzeug.
Jonas: Natürlich nicht. Sie ist zwar in der 40-Quadratmeterklasse, aber keine Millionärin.
Sam: Sofern sie nicht zu Fuß ging, muß sie also ein Transportmittel benutzt haben.
Jonas: Eine Rikscha, nehm ich an. Und wie bestellt man eine Rikscha?
Sam: Über Servicetext, o Beherrscher der Gläubigen.
Jonas: Worauf wartest du, Sammy?
Sam: Einschaltung in Speicher von hier befindlichem Servicetextgerät ergibt: Besitzerin hat 3. Juni 2009.
Jonas: Vor zwei Tagen.
Sam: 7 Uhr 30 Rikscha bestellt, Fahrziel: Orbidrom. Abbuchung 11 Euros.
Jonas: Aha. Weißt du, was wir jetzt machen, Sammy?
Sam: Klar, Boß.
Jonas: Was ist das?
Sam: Es klingelt an der Tür, o Gesetzgeber des Weltalls.
Jonas: Weiß ich selbst, ich meine, wer?
Sam: Ein guter Rat, Meister, zur Tür schleichen, horchen.
1. Wächter: Niemand da, gnädige Frau.
Nachbarin: Reden Sie keinen Blech. Ich hab deutlich Geräusche gehört. Und Schritte.
1. Wächter: Wenn Sie das sagen, gnädige Frau. Aufmachen!
Jonas: Das hatte mir gerade noch gefehlt. Ein Wächter, und eine hellhörige Nachbarin. Andererseits, unter höheren, dramaturgischen Gesichtspunkten, war es ja auch mal wieder Zeit für ein bißchen Aktion.
Jonas: Sammy, wir müssen was tun.
Sam: Meine Rede, Chef.
Jonas: Die holen hier nicht die Polizei, Sammy, die nicht. Die nehmen mich selber in die Mangel. Und bei so was kann der Mensch leicht aus dem Fenster fallen, und das im 8. Stock.
Nachbarin: Schließen Sie auf, Mann, Sie haben doch einen Hauptschlüssel.
1. Wächter: Ja schon, aber ich weiß nicht.
Sam: Wo befinden wir uns, o Leuchter der Wissenschaft?
Jonas: Du stellst Fragen, Turm zu Babel, Apartment 813 natürlich.
Sam: Falsch. Wir befinden uns im Apartment 713. Offiziell. Ein kurzer Rutsch.
Jonas: Rutsch?
Sam: Durch den Müllschlucker. Und Hochwürden halten sich dort auf, wo sie sich befinden. Gebe allerdings untertänigst zu bedenken, daß eine gewisse Beschleunigung, mach hin, Mensch, da, neben der Kochkonsole, Klappe auf.
Jonas: Ein Glück, daß ich nicht Derowolt bin.
Sam: Schi heil.
Jonas: Leicht verschmutzt und ungewöhnlich duftend krabbelte ich ein Stock tiefer aus der Röhre. Keine Sekunde zu früh. Der Drache, der das Apartment oben leer vorgefunden hatte, tauchte plötzlich in 713 auf, und wich mir bis ins Foyer nicht mehr von der Seite. O Mißtrauen, wie sehr vergiftest du Frohsinn und Geselligkeit. Goethe. Oder vielleicht doch nur der Parkwächter unter der Hauptwache?
Jonas: Ich gebe Ihnen Bescheid, sobald ich mich entschieden habe.
1. Wächter: Tun Sie das.
2. Wächter: Was war denn los in 813?
1. Wächter: Ach nix. Die Alte spinnt.
2. Wächter: So was kommt vor. Sag mal, du warst doch drin?
1. Wächter: In 813? Klar.
2. Wächter: Wirklich?
1. Wächter: Ja doch.
2. Wächter: Komisch. Du warst nicht auf dem Monitor.
1. Wächter: Ich war nicht auf dem Monitor? Was war denn auf dem Monitor?
2. Wächter: Nichts. Die Tür zu 813, und die Tür war zu die ganze Zeit.
1. Wächter: Da muß einer an der Elektronik rumgefummelt haben.
2. Wächter: War jemand im Haus? Sie da! Hallo!
Jonas: Jetzt wurde es ungemütlich. Ich legte einen Zahn zu, machte einen großen Schritt durch die Tür auf die Straße. Und da hatte ich es noch eiliger.
2. Wächter: Halt! Bleiben Sie stehen!
Jonas: In der martialischen Kunst des geordneten taktischen Rückzugs ist Jonas kaum zu schlagen. Ein paar geschickte Ausweichmanöver um zwei oder drei Ecken, und ich war in Sicherheit. Nächste Station: natürlich das Orbidrom. Der Raketenport von Babylon. Außerhalb der Stadt. Über einen öffentlichen Terminal ließ ich mir von Sam eins Linda Lorants Bild überspielen. Und damit hätte ich, nach dem kleinen Handbuch für Privatdetektive, alle Schalter abklappern sollen. Aber ich hatte so eine Idee, und ging gleich zur Abfertigung von OI, von Orbis International.
Schalterbeamter: O ja, die war hier. Ich erinnere mich.
Jonas: Gutes Gedächtnis haben Sie.
Schalterbeamter: Unmöglich angezogen die Frau. Zugeschnürt bis zum Hals. Und alles in Magenta, ich bitte Sie, trägt doch kein Mensch heutzutage.
Jonas: Und was trug der Mensch heutzutage? Ein Stückchen Leoparden-Fell, Kunststoff natürlich. Große gelbe Kreise auf allen vier Backen, und das blaue Stirnband von Orbis. Der junge Mann am Schalter sah aus wie ein leicht psychedelischer Jonny Weismüller.
Jonas: Wann war das?
Schalterbeamter: Vorgestern. Kurz vor 9. Ich war gerade zum Dienst gekommen.
Jonas: Was hat sie gebucht?
Schalterbeamter: Sie hat überhaupt nicht gebucht. Sie ist gleich durchgegangen zum privaten Sektor. Die Tür hier. Moment. Haben Sie einen Paß?
Jonas: Den könnte ich jederzeit kriegen.
Schalterbeamter: Dann kriegen Sie ihn. Ohne Paß kommen Sie nicht durch.
Jonas: Ich hätte mir einen Paß besorgen können, über Quartz, aber die Sache war auch anders zu klären. Einfacher und vor allem schneller. Wozu hatte ich Sam? Der schaltete sich kurz in die Flugpläne ein, und was dabei rauskam, war dies: In der fraglichen Zeit war nur eine einzige Rakete vom Privatsektor gestartet. 9 Uhr 18. Flugziel: Torus OI 96. Das war’s. Mehr konnte ich vorläufig nicht tun. Ich fuhr zurück nach Hause. Wenn man ein mickriges Büroapartment von 22 Quadratmeter zuhause nennen kann. Am Abend, wie versprochen, meldete sich Quartz über Bildfon.
Quartz: Torus OI 96. So. Eine von meinen Raumstationen. Ich meine, eine Station von Orbis International. Früher Vergnügungsbetrieb. Zoo. Rummel.
Jonas: Und heute?
Quartz: Stillgelegt. Für die Öffentlichkeit gesperrt. Technisch überholt. Wir benutzen den Torus als Speicher und für ein paar unwichtige Büros.
Jonas: Was hat Linda Lorant auf ihrer abgelegten Raumstation zu suchen?
Quartz: Das werden Sie feststellen. Offensichtlich eine Intrige innerhalb der Firma. Jemand will mich ausschalten. Das hat man schon oft versucht, aber nie erreicht. Sie, Jonas, fahren nach oben und sehen für mich nach dem rechten.
Jonas: Warum nicht. Wenn Sie den gesetzlichen Exterra-Zuschlag drauflegen. 50 %.
Quartz: Ich sorge dafür, daß man Sie im Orbidrom p***eren läßt, und daß eine Kurzstreckenrakete für Sie bereitgehalten wird. Viel Erfolg und Waidmanns Heil.
Jonas: Waidmanns Dank. Bevor ich wieder zum Orbidrom rausfuhr, tauschte ich Sam zwo noch fix ein gegen ein spezial Exterra-Funkgerät im Kleinformat. Was wäre Jonas auch im Weltraum ohne seinen Freund und Helfer. Wie üblich verabredete ich mit Sam Notsignale und Random-Frequenzwechsel. Merksatz Nummer 1 für Detektive und solche, die es werden wollen: Man kann nie wissen.
Pilotin: 10,9,8,7,6,5,4,3,2,1, zero.
Jonas: Eine Spritztour. Torus OI 96 war nur rund 4000 km hoch. Erst zu viel Schwerkraft, dann zu wenig. Kenn ich. War oft genug draußen. Keine schlechte Pilotin, die Quartz bzw. Orbis mir zugeteilt hatte. Unser Landekontakt war so sanft wie Judiths Lächeln. Dann die übliche Warterei. Bis das Vakuum in der Landezone durch Atmosphäre ersetzt war.
Jonas: Haben Sie vorgestern eine Frau hier her geflogen. 40. Nicht gerade modisch angezogen?
Pilotin: Ja.
Jonas: Haben Sie sie auch wieder abgeholt?
Pilotin: Nein, keine Anweisung.
Jonas: Anweisung? Von wem?
Pilotin: Tragen Sie eine Feuerwaffe? Laserstrahler? Ballistische Pistole?
Jonas: Letzteres. Eine Smith & Wesson Detective Special.
Pilotin: Abliefern.
Jonas: Mein Gott, ist doch keine Waffe, eher eine Antiquität. Ein Maskottchen.
Pilotin: Eiserne Regel. Die Toruswände könnten beschädigt werden. Sie wollen sich doch wohl nicht selbst vakuumisieren. Abliefern. Danke. Sie können aussteigen.
Jonas: Durch die Landeklappe stieg ich in die Luftschleuse des Torus. Da fühle ich mich, ehrlich gesagt, immer ein bißchen unsicher. Das unendliche Vakuum des Weltalls ist ungeheuer nah, und wer weiß schon, wie gut die Ventile schließen. Deshalb beeilte ich mich, durch die zweite Klappe zu kommen. Ich war in einem großen runden Raum. Unten, in der Nabe des Torus. Sie wissen doch, wie eine Raumstation in Torusform aussieht. Richtig. Wie ein Rad. An einer Rikscha zum Beispiel. Ein Rad mit einem Schlauch außen rundherum. Mit einer Nabe in der Mitte und mit vier Speichen zwischen Nabe und Schlauch. Die ganze Geschichte hatte einen Durchmesser von gut 3 km, und drehte sich zweimal pro Minute um sich selbst. Dadurch herrschte im Schlauch fast die gleiche Schwerkraft wie auf der Erde, und in der Nabe, na? Natürlich Schwerelosigkeit. Soviel zur Verdeutlichung. Zurück zu Jonas. Unten in der Nabe von Torus OI 96. Frisch gelandet und begierig, Sam zu kontakten.
Sam: Haben eure Großmächtigkeit eine angenehme Reise gehabt? Unbehelligt von der bösen Raumkrankheit? Und wie kommen Ehrwürden mit der Schwerelosigkeit zurecht?
Jonas: Danke der Nachfrage, Sammy, ganz ausgezeichnet. Hoppla. Himmel All und saurer Regen. Das verflixte Funkgerät hat sich selbständig gemacht. So. Also, Sam, ich such mir jetzt ne Speiche, und geh vor zum Schlauch. Da wird sie stecken, diese Linda Lorant.
Sam: Wo sonst, o leuchtendes Muster an Tiefsinn.
Jonas: Du gehst jetzt über auf 1. Notfrequenz, Sam.
Sam: Mein Meister befürchtet Gefahren?
Jonas: Durchaus möglich, aber ich werde schon durchkommen. Mit meinen martialischen Künsten.
Sam: Martialische Künste. Wenn Sam doch nur aufgehen würde, welch geheimnisvolle Rolle sie in vorliegendem Fall spielen.
Jonas: Wird sich zeigen, Sammy, wird sich zeigen. Auf geht’s.
Sam: Over and out.
Jonas: Ich schwebte durch die Torusnabe, nach oben oder unten, ganz wie Sie wollen, bis zur Mitte, und da gingen die vier Speichen ab. Frage: Welche war die richtige. Antwort: Die mit dem Schild zu den Büros. Da schwebte ich rein. Von jetzt an ging’s vertikal weiter. Allmählich nahm die Schwerkraft zu. Ich ließ das Schweben sein, verlegte mich aufs Springen, dann aufs Laufen, kam ans Ende zu einer Tür, machte sie auf, trat durch, machte sie hinter mir zu. Und stand da wie angewurzelt. Klimperte mit den Augen und kniff mich in den Arm. Das waren doch keine Büros.
Jonas: Ich glaub, ich steh im Wald.
Jonas: Erster Reflex, zurück zur Tür, aber die war zu, und ging nicht mehr auf. Ob ich wollte oder nicht, ich war und blieb im Wald. Was heißt Wald. Ich stand im Dschungel. Wenigstens mit einem Bein, dem rechten. Links war Steppe. Rechts wucherte ein tropischer Regenwald. Lianen, Palmen und was sonst noch dazu gehört. Erstaunlich, was man in einem Schlauch von nicht mehr als 30 Meter Durchmesser so hinkriegen kann. Durch große Fenster und Sonnenreflektoren. Ein Treibhaus, ein Tropenparadies, mit Jonas als Adam. Von Eva war leider nichts zu sehen, und von der Schlange auch nicht. Noch nicht. Statt dessen meldete sich eine andere wichtige Persönlichkeit.
Quartz: Willkommen auf Safari, Jonas.
Jonas: Wer ist das?
Quartz: Hier spricht Gott.
Jonas: Kann ich mir nicht vorstellen.
Quartz: Erkennen Sie meine Stimme?
Jonas: Ich glaub, mein Computer piept. Quartz.
Quartz: Gutes Ohr, Jonas. Wenn der Rest auch so präzis funktioniert. Ich bin übrigens tatsächlich Gott. Der Gott dieses Torus, dieser meiner Welt. Ich habe ihr den Namen gegeben, Safari. Schon früher, als sie noch exterristiale Belustigungsstation war. Eine glorifizierte Schießbude für brave Bürger, die Nimrods spielen und wilde Tiere schießen wollten. Ohne Risiko. Sie wußten, die Bestien waren nur Robots. Täuschend ähnliche Repliken, aber ganz und gar ungefährlich. Das ist jetzt anders. Ich habe gewisse Umprogrammierungen vornehmen lassen. Diese Wesen, mein lieber Jonas, sind nun mindestens so gefährlich wie ihre ausgestorbenen Vorbilder. Ich bin gespannt, wie Sie sich gegen sie halten werden.
Jonas: Ich? Danke bestens, kein Interesse. Deshalb bin ich nicht hier. Haben Sie’s vergessen? Ihre Sekretärin?
Quartz: Hahahahaha.
Jonas: Und da, bißchen spät, muß ich zugeben, ging mir ein Licht auf. Ein ganzer Kronleuchter. Und die Schuppen fielen mir wie ein Wasserfall von den Augen.
Quartz: Ach, Sie sind endlich dahinter gekommen. Der Auftrag war eine Finte. Ich habe Spuren ausgelegt, um Sie, Jonas, nach Safari zu bringen. Und da sind Sie nun.
Jonas: Nicht zu bestreiten. Linda Lorant gibt es also nicht.
Quartz: O doch. Nur die Geheimdaten sind nicht existent. Die Lorant habe ich hierher gelockt, wie Sie. Sie hat mir ein paar Stunden guten Sport verschafft. Tüchtige Frau. Sie, Jonas, werden es hoffentlich noch besser machen.
Jonas: Was haben Sie mit mir vor?
Quartz: Ich jage, Jonas. Ich habe auf der Erde gejagt, solange es dort noch jagdbares Wild gab. Dann hier, die Robots. Aber das geht nicht mehr. Ich bin immobil. Eine Sammlung von Transplanten. Die Medizin hat Grenzen, selbst für Milliardäre. Heute jage ich indirekt. Ich habe Safari überholt und ausgebaut. Überall Mikrophon, Lautsprecher, Kameras. An meiner Konsole, vor meinen Monitoren, bin ich dabei. Jede Sekunde auf jedem Meter. Wenn meine Robokiller ihre Opfer durch den Dschungel hetzen.
Jonas: Menschenjagd?
Quartz: Der Mensch ist das edelste Wild. Das gefährlichste. Beiläufig auch das einzig noch existierende Wild.
Jonas: Ich mißgönne ja keinem sei Hobby. Aber warum wollen Sie ausgerechnet mich jagen: Haben Sie was gegen mich?
Quartz: Ja, das auch. Ich hege Groll gegen Sie.
Jonas: Wie haben noch nie was miteinander zu tun gehabt.
Quartz: Sagen Sie das nicht. Ich bin Sponsor, bedeutender Sponsor von ZIP, dem Zentralinstitut für Populationsforschung.
Jonas: Der Testmarktfall vor 3 Monaten.
Quartz: Ganz recht. Aus überholten moralischen Motiven haben Sie, Jonas, ein hochinteressantes Programm gestoppt. Ein Programm, das gewisse Aussichten hatte, der Überbevölkerung Einhalt zu gebieten. Mein eigentlicher Grund ist jedoch ein anderer. Sie sind ein würdiges Jagdwild, Jonas.
Jonas: Ich verstehe. Die martialischen Künste.
Quartz: In der Tat. Sie zu jagen, wird es, da bin ich sicher, ein sportlicher Hoch-Genuß sein. Und eine Ehre. Für mich und für Sie.
Jonas: Danke. Auf die Ehre würde ich gerne verzichten. Wie soll ich mich gegen ihre Killer wehren? Mit bloßen Händen?
Quartz: Ich bitte Sie, das wäre nicht waidmännisch. Ihre Ausrüstung finden Sie hinter der Palme rechts von Ihnen. Da, dort.
Jonas: Pfeile und Bogen, Speere. Ein Messer. Das ist alles?
Quartz: Reicht es Ihnen nicht?
Jonas: Nehmen wir einmal an, ich werde mit ihren Robokillern fertig. Was p***ert dann?
Quartz: Dann werde ich höher programmierte Jäger auf Sie ansetzen.
Jonas: Ich habe also keine Chance.
Quartz: Genug geredet. Jetzt werde ich sehen, wie sich Jonas, der Detektiv, Jonas, der Jäger, als Gejagter hält. Halali, die Jagd beginnt.
Jonas: Ein Löwe kam näher. Ich versteckte mich, und rief Sam über Funk. Aber das habe ich ja schon erzählt. Die Riesenschlange, die sich dann unangenehm bemerkbar machte, wollte ich kunstgerecht tranchieren, aber das Messer ging glatt durch. Das Vieh war überhaupt nicht vorhanden.
Quartz: Ein Hologramm, Jonas. Ein Hologramm, wie auch andere meiner Tiere. Aber nicht alle. Einige sind höchst real. Sie werden es feststellen. Sofern Sie noch dazu kommen, wenn ein Robokiller Sie in den Klauen hat.
Jonas: Also nahm ich jedes einzelne Biest ernst. Notgedrungen. Es war ein richtiges Gedrängel. Löwen, Tiger, Leoparden, Schlagen, Skorpione, was weiß ich noch alles. Zwischendurch informierte ich Sam über die Lage, so gut es ging. Und der zerbrach sich für mich den Kopf, den er nicht hatte. Zwei Stunden später war ich müde. Die Pfeile gingen zur Neige, die Speere desgleichen. Aber Jonas lebte noch, und die Robokiller waren funktionsunfähig. Das alles stimmte Herrn Quartz nicht eben froh.
Quartz: Gratuliere. Sie haben sich gut gehalten. Besser als erwartet. Vermutlich lassen Sie sich über Funk von Ihrem Computer beraten. Interessanter Random-Frequenzwechsel. Leider habe ich nicht die Zeit, ihn aufzuschlüsseln.
Jonas: Sie sind eben zu sehr mit Ihren Spielzeugen beschäftigt.
Quartz: Beschleunigen wir die Sache. Es ist Zeit, die Wilden zu aktivieren. So nenne ich meine Robokiller in menschlicher Gestalt. Mit einem wesentlich höher programmierten Reflex und Aggressionsverhalten. Dagegen wird auch ihr Computer machtlos sein. Sie waren gut, Jonas, aber einmal muß ein Ende gemacht werden. Vorher gebe ich Ihnen eine Pause von, sagen wir, einer halben Stunde. Ich bin kein Unmensch.
Jonas: Das sah ich anders. Aber danach fragte er mich nicht. Pause also. Ich ließ mich fallen, wo ich gerade stand. In der Steppe. Am Fuß eines Kilimandscharo im Miniformat. Das war eine Anhäufung von Erde am Rand des Schlauchs. Weiter geführt durch einen gemalten Schneegipfel. Ganz hübsch. Allerdings hatte ich kaum Augen dafür. Ich fühlte mich so einsam wie Jonas im Walfischbauch. Nur daß ich das Gefressenwerden noch vor mir hatte. Wie sollte ich hier rauskommen? Vielleicht hatte Sam eine Idee.
Sam: Es gibt nur eine einzige Möglichkeit. Mein Herr und Meister muß versuchen, an Quartz selbst heranzukommen und ihn auszuschalten.
Jonas: Dazu müßte ich erst mal wissen, wo er steckt.
Sam: Natürlich im Torus, o Rächer der Enterbten.
Jonas: Klar, aber wo im Torus?
Sam: Nicht im Schlauch.
Jonas: Da hätte ich ihn schon gefunden. Moment mal Sammy. Quartzens Kopf im Bildfon. Diese komisch gesträubten Haare. Schwerelosigkeit.
Sam: Herr Quartz befindet sich in der Nabe des Torus.
Jonas: Und zwar oben. Unten ist die Landezone.
Sam: Ein vielfältig erneuerter Mensch wie Herr Quartz fühlt sich zweifellos wohl im schwerelosen Zustand. Herz und Kreislauf werden weniger belastet...
Jonas: Hör mal, für medizinische Vorlesungen haben wir jetzt keine Zeit. Sag mir lieber, wie ich den Kerl zu fassen kriege. Durch die Speichen?
Sam: Vorsicht, Volksgenosse, Feind hört mit.
Jonas: Keine Angst, Sam, ich sitz auf dem Mikro. Also, Speichen gehen nicht, die Türen sind fest zu und werden bestimmt elektronisch überwacht.
Sam: Die Erfahrung lehrt uns, o überirdischer Bodhisattva, es gibt immer und überall eine Hintertür. Bei Dysfunktion des Schaltzentrums, um notwendige Außenreparatu-ren durchzuführen muß es möglich sein, den Schlauch des Torus auf direktem Wege zu verlassen. An irgendeiner Stelle der Außenwand befindet sich ein Notausgang.
Jonas: Wo, Sam, wo?
Sam: Ohne Frage ist er versteckt. Vermutlich in einer Erdaufschüttung.
Jonas: An der Außenwand gibt’s nur eine Erdaufschüttung. Hier, wo ich sitze. Den Kilimandscharo.
Jonas: Und am Kilimandscharo sollte sie sein, die Hintertür. Sam rechnete sie aus. Über Größe, Drehmoment, dieses und jenes. Und Sam hat sich noch nie verrechnet. Ich wollte gleich los, aber.
Sam: Stop. Möge der hochwürdige Vater Abt bedenken, daß Quartz die Möglichkeit hat, ihn zu beobachten. Wieviel Kameras sind in Sichtweite?
Jonas: Da, und da, und da ist auch noch eine. Drei.
Sam: Drei. Und über wie viele Pfeile verfügt mein Meister?
Jonas: Ein, zwei, leider nur drei, Sammy.
Sam: Drei Pfeile, drei Kameras, ausgezeichnet.
Jonas: Das sagst du so leicht dahin. Was ist, wenn ich daneben schieße?
Sam: Dann, alter Freund, bist du eine Leiche.
Jonas: Naja. Von der Seite her gesehen.
Jonas: Ich zielte wie ein Weltmeister, und setzte die drei Kameras, die meine Sektion überwachten, mit drei Schüssen außer Gefecht. Auch diesmal hatte Sam sich nicht verrechnet. Ich fand den Notausgang genau da, wo er sein sollte. An der Bergwand, unter einem Busch. Innen ging links eine zweite Tür ab, zur Luftschleuse. Rechts hingen Raumanzüge und diverses Werkzeug. Ich lieh mir einen Lasercutter und eine Rückstoßpistole aus, stieg schneller als je zuvor in einen Raumanzug, machte das Funkgerät im Helm fest, dann 5 Minuten Luftschleuse, und ich war draußen. Erste Weltraumaktivität von Jonas: Ich befestigte die riesenlange Nylonleine des Anzugs an einem Außenhaken. Schließlich wollte ich nicht von nun an bis in Ewigkeit als neue Raumstation die Erde umkreisen. So. Was nun?
Sam: Gestatten Majestät einen guten Rat.
Jonas: Wozu hab ich dich denn, Sammy. Schieß los.
Sam: Zuförderst sollten dero Großmächtigkeit darauf achten, stets außer Sicht des Herrn Quartz zu bleiben, welcher sich wie bekannt im oberen Teil der Torusnabe befindet.
Jonas: Und so langsam mißtrauisch werden dürfte.
Sam: Hoheit täten gut daran, sich von der Nabe her betrachtet, hinter der Schlauchwand zu halten, sich mittels der Rückstoßpistole zur nächstgelegenen Speiche vorzuarbeiten, und dann über der Speiche bis in die Mitte zur Nabe.
Jonas: OK, Sammy, es geht los. Heil, Safari.
Sam: Oder auch Waidmanns Heil.
Jonas: An der Nabe pirschte ich mich mit Halali nach oben. Selber jagen macht viel mehr Spaß als gejagt werden. Die Nabe war oben abgeschlossen durch eine Halbkugel mit umlaufendem Fenster. Ich zog mich hoch, vorsichtig, ganz vorsichtig, und linste nach innen. Ja, das war der Kontrollraum. Und da.
Jonas: Da ist Quartz.
Sam: Wo hätte er sich wohl auch sonst befinden sollen, o größter Schnüffler aller Zeiten?
Jonas: Da hockt er, wie, wie...
Sam: Wie die Spinne im Netz.
Jonas: Eher wie ein Ochsenfrosch im Teich. Um ihn herum seine Jagdausrüstung. Monitore. Hebel. Schalter. Schläuche. Drähte.
Sam: Was tut er?
Jonas: Er ist nervös. Er drückt auf irgendwelche Knöpfe.
Sam: Er ahnt, was ihm bevorsteht, euer Lordschaft.
Jonas: Und gleich wird er es ganz genau wissen. Operation Safari letzter Teil. Aktion.
Sam: Es geht ein rechter Lasercutter durch Metall als wie durch Batter. Butter.
Jonas: O Sam.
Jonas: Als er das Zischen an der Wand hörte, da war Quartz klar, was sich abspielte. Aber jetzt war es zu spät. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf den Laserstrahl und auf das immer größer werdende Loch in der Wand. Die Atmosphäre verschwand zischend in den Raum, Vakuum breitete sich aus, Quartz schwoll an, wurde immer unförmiger, Blut spritze aus seinen Poren, sein Kopf war ein gigantischer roter Luftballon, und dann, dann platzte er, und was an ihm Blut, Fett, Muskelfleisch war, explodierte in den Kontrollraum und an mir vorbei in den kalten Kosmos. Ein Stahlgerüst, diverse Einbauteile, und ein paar Knochen, das war alles, was übrig blieb vom großen Gott der Safaristation.
Jonas: Wie sagt man am Ende der Jagd, Sam?
Sam: Jagd vorbei, Halali, o Wonne des Weltalls.
Jonas: Genau. Also Jagd vorbei. Und von mir aus auch Halali.
Sam: Was ist das Leben des Menschen?
Jonas: Berechtigte Frage, Sammy.
Sam: Nichts anderes denn ein Traum, ein Schatten, ein Tropfen Tau, der in der Sonne vergeht.
Jonas: Die Rakete lag noch am Landeplatz. Ich ließ mich zur Erde zurückbringen. Unten erstattete ich gleich Anzeige, aber das hätte ich mir sparen können. Orbis International, das zeigte sich später, war mächtig genug, die Angelegenheit unter den Teppich zu kehren. Vom Apartment aus rief ich Judith an. Ich hatte so ne Idee, daß sie mir beim Lecken meiner Wunden helfen könnte. Judith war nicht da. Mir blieb nur Sam. Nichts gegen Sam, aber Judith ist er nicht.
Sam: Ökonomisch betrachtet, o vielvermögender Hauptabteilungsleiter, empfiehlt es sich für einen Detektiv nicht, seinen Auftraggeber zu vakuumisieren.
Jonas: Ein wahres Wort, Sam. Was habe ich von der Sache gehabt? Ein Ausflug im Raum, ein paar Stunden Angst und Hetze, Kratzer und Schrammen, ein schauderhaftes Bild, das ich nicht so schnell vergessen werde.
Sam: Und 1000 Euros.
Jonas: Was?
Sam: Der Kontostand meines Herrn beträgt zur Stunde 1162 Euros, 9 Cents. Herr Quartz hatte Vorschuß gezahlt.
Jonas: Richtig, hatte er. Ganz vergessen. Wie schön. Das Leben sah gleich besser aus. Immer noch grau, zugegeben, nicht rosig, aber doch mit einem kleinen Goldrand am Horizont.
Jonas: Immerhin.
Sam: Halleluja, Harekrischna. Amen.
Jonas: Du sagst es, Sammy.
Das war Safari. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus. Sein Supercomputer Sam war Joachim Wichmann. Es wirkten außerdem mit: Karin Anselm, Wolfgang Büttner, und viele andere (Christoph Lindert, Detlef Kügow, Hans Stetter, Ute Mora, Michael Lenz, Irmhild Wagner). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Heiner Schmidt. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1984). Redaktion: Dieter H***blatt und Erwin Weigel.
Jonas
Donnerstag, 28. August 2025 07:10
Testmarkt
Der letzte Detektiv
Eine Science-Fiction-Krimiserie von Michael Koser
Heute: Testmarkt
Jonas: Sie war ein paar Jahre jünger als ich. Um die 35. Dunkles Haar, dunkle Augen, eine wohlgefällige Figur. In einem von diesen weißen Overalls, die nach gar nichts aussehen, und mehr kosten, als ein Detektiv im Monat verdient. In der 40-Quadratmeterklasse, schätzte ich. Auf dem Klientenstuhl in meinem Büro plus Apartment, 22 Quadratmeter und ein paar Zerquetschte, wirkte sie wie ein aufgeblühter Kirschzweig in einer alten Bierflasche. Ich bin sentimental. Ich mag Kirschblüten.
Judith: Mein Name ist Delgado. Judith Delgado.
Jonas: Judith. Das gefällt mir. Ein Mensch, dessen Name mit J anfängt, kann nicht ganz schlecht sein.
Jonas: Ich heiße Jonas. Nur Jonas. Wie der Typ mit dem Walfisch in der Bibel. Viele Leute wundern sich darüber, daß ich nur einen Namen habe. Ich weiß nicht, warum. Ich meine, besser ein guter Name als drei miese.
Judith: Ich kann es nicht glauben. Onkel Adrian hätte so was nie gemacht.
Jonas: Was?
Judith: Selbstmord. Ich versteh das nicht.
Jonas: Sagen sie alle.
Judith: Bitte?
Jonas: Sagen sie alle, wenn der liebwerte Anverwandte endlich freiwillig die Kurve kratzt, weil sich kein Aas um ihn gekümmert hat.
Judith: Ihr Ton gefällt mir nicht.
Jonas: Sam?
Sam: 243, o Herr und Meister.
Judith: 243?
Jonas: Sam führt `ne Liste. Von Leuten, die mir sagen, ihr Ton gefällt mir nicht. Sie sind Nummer 243.
Judith: Ich habe mich um Onkel Adrian gekümmert. Und ich bin ganz sicher, er hat sich nicht umgebracht.
Jonas: Das sagen Sie. Und was steht auf dem Totenschein? Name?
Judith: Judith Delgado.
Jonas: Nicht Ihrer. Onkel Adrian. Name, Nummer, Adresse und so weiter.
Judith: Adrian Delgado. Südstadt, 33. Straße, Nummer 170, Aufgang G, Apartment 93. Bürgernummer 15 B 27 09 1939. Aber das ist unnötig. Ich habe schon...
Jonas: Lassen Sie das mich auf meine Weise machen. Sam?
Sam: Magnifizenz?
Jonas: Todesdatum. Todesursache.
Sam: Hören ist gehorchen, euer Lordschaft. Piep. Herr Adrian Delgado verließ dieses unser irdisches Tal der Tränen aus freien Stücken am 13. März im Jahre des Herrn 2009.
Jonas: Also gestern.
Sam: Indem er das Fenster seines im 9. Stockwerk gelegenen Apartments öffnete und sich, den Kopf voran, durch d***be in die Tiefe stürzte. Beim Aufschlag erlitt er folgende, in ihrer Gesamtheit tödliche Verletzungen.
Jonas: Brauchen wir nicht. Ist gut, Sammy.
Sam: Wie Durchlaucht befehlen.
Jonas: Sie haben’s gehört, Judith. Selbstmord. Ganz offiziell. Kein Fall für Jonas.
Judith: Ich kenne den Totenschein. Er lügt.
Jonas: Lassen Sie mich raten. Lebensversicherung?
Judith: Ja, das auch, aber.
Jonas: Zu Ihren Gunsten abgeschlossen. Und bei Selbstmord zahlt die Versicherung nicht. Wie hoch?
Judith: 100.000 Euros. Aber das ist es nicht. Ich hatte Onkel Adrian gern.
Jonas: Rührend. Und was soll ich jetzt tun?
Judith: Nachforschen natürlich. Rauskriegen was wirklich p***ert ist.
Jonas: Ich bin der letzte. Der letzte Privatdetektiv. Der letzte freie Beruf. Seit Ärzte und Anwälte Staatsdiener sind. Und Künstler Medienbeamte mit Pensionsberechtigung. Wahrscheinlich bin ich auch der einzige Privatdetektiv. Wenigstens in unserer unschönen, aber großen Stadt Babylon. Ohne Konkurrenz. Nicht, daß es mir viel nützt, aber wer braucht heutzutage schon einen Detektiv? Menschen, die nen Knacks haben oder eine fixe Idee. Wie Judith.
Jonas: Ich kriege 80 Euros pro Tag und Spesen. Aber ich sag Ihnen gleich: Sie werfen ihr Geld zum Fenster raus.
Judith: Das lassen Sie meine Sorge sein. Ich habe gute Gründe.
Jonas: Klar. Warum sollte sich Onkel Adrian schon umgebracht haben? Warum bringen sich Jahr für Jahr Millionen Menschen um? Sam, die letzten Selbstmordzahlen für Europa.
Sam: Bitte sehr, bitte gleich, o Sahib. Piep. Januar bis Dezember 2008: 4 532 728 Suizide, gleich 0, 37258 % der Bevölkerung. Im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um 3, 6661 %. Januar bis Februar 2009...
Jonas: Das reicht, Sam. Sehen Sie, Judith, jeder kann sich umbringen, Sie. Ich.
Judith: Ein außergewöhnlicher Computer, den Sie da haben.
Jonas: Sam. Der ist nicht außergewöhnlich. Der ist verrückt. Was, Sammy?
Sam: Wenn du meinst, Mac, du bist der Chef.
Jonas: Außer Walzertanzen und Kinderkriegen kann Sam praktisch alles. Hören, Sehen, sich in zugängliche und auch ein paar unzugängliche Datenbänke einschalten, deduzieren, und reden, vor allem reden. Die Hersteller haben ihn versuchsweise mit allen möglichen ausgefallenen Sprachprogrammen vollgestopft. Und jetzt redet der gute Sam nicht nur wie ein Buch, er tönt wie eine ganze Bibliothek. Deswegen habe ich ihn auch verhältnismäßig billig gekriegt, als ich mit meiner Abfindung aus dem Antarktischen Krieg zurückkam und beschloß, Detektiv zu werden. Wer will sich schon ständig mit einem elektronischen Oberlehrer unterhalten. Ich habe ihm dann noch ein paar neue Sprachprogramme eingegeben, als Gegengewicht sozusagen, und das alles ist ihm ein bißchen durcheinander geraten. Nicht zu reparieren. Man muß sich dran gewöhnen.
Jonas: Darf ich vorstellen: McCoy Incorporated, Typreihe Doktor, Versuchsmodell Chrysostomus, Baujahr 2005. Ich nenne ihn kurz Sam. Sie werden kaum wissen, warum.
Judith: Hallo, Sam.
Sam: Küß die Hand, gnädige Frau.
Judith: Play it again, Sam. Spiel As Time goes by.
Sam: Klaro, Schwester. Auf geht's.
Jonas: Sie kennen Casablanca?
Judith: Aber ja, und ich mag Bogie und Phil Marlowe und Sam Spade und Lew Archer und Albert Samson und...
Jonas: Und ich dachte, ich bin der einzige in ganz Babylon. Das muß gefeiert werden. Ein Drink, Bürowhiskey. Original Old Forester. Die letzte Flasche für den letzten Detektiv. Ich darf leider nicht. Mein Magen.
Judith: Cheers, Jonas. Sie spielen Ihre Rolle gut. Aber jetzt könnten Sie eigentlich einen Gang zurückschalten. Ich glaube Ihnen ja, daß Sie genau so ausgekocht sind wie ihre Vorbilder.
Sam: Groß, schnell, hart und voller Stacheln. Raymond Chandler.
Judith: Und deshalb werden Sie auch feststellen, was mit Onkel Adrian p***ert ist.
Jonas: Warum lassen Sie den armen Onkel nicht in Frieden ruhen, in seiner Urne oder wo er immer steckt. Ich habe Ihnen doch gesagt.
Judith: Ich habe Ihnen gesagt, Jonas, daß ich gute Gründe habe für meinen Verdacht. Zwei gute Gründe, um genau zu sein.
Jonas: OK, ich höre. Erstens.
Judith: Onkel Adrian war einigermaßen gesund, vergnügt, lebenslustig, überhaupt kein Selbstmordtyp.
Jonas: Und zweitens.
Judith: Lassen Sie Ihren verdrehten Computer feststellen, wie viel Menschen gestern in der Südstadt Selbstmord begangen haben.
Jonas: Von mir aus. Na, was ist denn, Sammy?
Sam: Sie hat mir gar keine Befehle zu geben. Und Sie hat verdrehter Computer zu mir gesagt.
Jonas: Ach was, zier dich nicht. Komm rüber mit den Zahlen.
Sam: Aye Aye, Sir. Piep. Piep. Ich bedaure unendlich. Aber die gewünschte Information ist mir nicht zugänglich. Sie ist kl***fiziert und codiert. Dritte Geheimstufe.
Jonas: Nanu. Seit wann?
Sam: Seit dem 12. März 2009, großer Meister.
Jonas: Moment. Die Selbstmordzahlen der Südstadt für gestern sind seit vorgestern kl***fiziert?
Sam: Soll ich es dir auch noch buchstabieren, Kumpel?
Jonas: Merkwürdig. Und Sie wußten das, Judith?
Judith: Ich arbeite im Ministerium für Statistik und Soziographie.
Jonas: Aha. Können Sie den Code beschaffen?
Judith: Ich will’s versuchen. Ich ruf Sie an. Das heißt, wenn Sie den Fall übernehmen und für mich arbeiten wollen.
Jonas: Weil Sie Bogie und Konsorten kennen, Judith. Weil an der Sache was faul ist. Weil ich momentan nichts Besseres vorhabe. Abgemacht.
Judith: Auf Ihren neuen Fall, Jonas.
Jonas: Und weil ich Kirschblüten mag.
Jonas: Die Südstadt, vor einem knappen halben Jahrhundert gebaut, ist schon vier-mal saniert worden. Diverse Wohnungsgesellschaften haben sich gesundgestoßen, aber sonst hat sich nicht viel geändert. Immer noch dieselben Hochhäuser, die aussehen wie riesige angegraute Käsestücke. Voller Löcher und Schimmel. Und Maden, dicht an dicht. Irgendwo müssen sie ja wohnen. Aber die Südstadt ist kein Slum, Gott bewahre, sie ist ein Wohngebiet mit spezifischen strukturellen Problemen. Das sagt die Bürgermeisterin jede Woche in ihrer Fernsehshow. Und die muß es wissen. In Onkel Adrians Haus war der Fahrstuhl kaputt. Die Fahrstühle in der Südstadt sind immer kaputt. Um wieder zu Atem zu kommen, studierte ich im 9. Stock die Graffiti. Das übliche. Die Tür zu Apartment 93 war versiegelt. Ich klopfte. Im Spion der Tür von Apartment 95 hatte ich was gesehen. Ein blu***rlaufenes Falkenauge. Das Übliche.
Nachbarin: Keiner da, junger Mann. Was wollen Sie denn?
Jonas: Telegramm für Herrn Delgado.
Nachbarin: Delgado. Der wohnt nicht mehr hier.
Jonas: Ausgezogen?
Nachbarin: Nicht direkt.
Jonas: Wissen Sie, wo ich ihn erreichen kann?
Nachbarin: Da müssen Sie sich schon Flügel anschaffen, junger Mann.
Jonas: Eine Kipperin. Das übliche. Die Südstadt ist voll von Kippern. Und nicht nur die Südstadt. Die Dame war in Alkohol eingelegt worden und seit Jahren gut durchgezogen. Nicht mehr weit zum Delirium. Ich frage mich, was sie heute sehen, wo’s keine Elefanten mehr gibt, und keine weißen Mäuse. Vielleicht karierte Computer.
Nachbarin: Wo haben Sie denn das Telegramm?
Jonas: In der Tasche.
Nachbarin: Und Ihre Uniform?
Jonas: In der Reinigung. Delgado ist tot?
Nachbarin: Toter geht’s gar nicht. Gestern Abend haben sie ihn im Lichthof abgekratzt. Aus dem Fenster gesprungen. Was man hier so Fenster nennt.
Jonas: Selbstmord?
Nachbarin: Muß wohl.
Jonas: Probleme?
Nachbarin: Haben Sie keine, junger Mann? Aber wo Sie so fragen. Delgado ist der letzte, der so was macht, hab ich immer gedacht. Kam ab und zu rüber und trank einen Schluck mit. Wollen Sie auch einen?
Jonas: Danke, mein Magen. Aber lassen Sie sich nicht stören.
Jonas: Sie war eine reinliche Person und trank gleich aus der Flasche. Ein Glas weniger zum Abwaschen.
Nachbarin: Vorgestern war er noch hier. Ganz munter. Am Wochenende wollte er eine Tour machen, zu einem von diesen Vergnügungssatelliten. Er hat mir die Prospekte gezeigt. Und dann springt er vorher in den Lichthof. Ist schon komisch.
Jonas: Vielleicht war’s ein Unfall.
Nachbarin: Klar, junger Mann. Delgado ist auf einen Stuhl gestiegen und hat sich dann durchgezwängt. Das müssen Sie nämlich tun, wenn Sie hier aus Versehen aus dem Fenster fallen wollen.
Jonas: Es könnte ihn ja auch jemand gestoßen haben.
Nachbarin: Wer denn, junger Mann? War ja keiner bei ihm, als es p***ert ist. Ich seh alles. Ich weiß Bescheid. Er war ganz allein. Ganz allein mit sich selbst. Wollen Sie nicht doch was trinken?
Jonas: Immer noch nicht. Hat er im Lauf des Tages Besuch gehabt?
Nachbarin: Besuch? Wer?
Jonas: Der Staatspräsident, wer denn sonst?
Nachbarin: Sie nehmen mich hoch, junger Mann. Manchmal kam seine Nichte. Nette Person. War aber schon `ne Woche nicht mehr hier.
Jonas: Und gestern?
Nachbarin: Kein Mensch. Bloß irgend so ein Mädchen mit 'ner Warenprobe.
Jonas: Warenprobe? Was für eine Warenprobe?
Nachbarin: Keine Ahnung. Bei mir hat sie nicht geklingelt. Kosmetik oder so was. Weißen Kittel hatte sie an. Tja, und der Postroboter natürlich. Mit der Reklame.
Jonas: Fünf Häuser weiter war ein Laden. Im Schaufenster künstliches Immergrün und auf einem lila Podest eine angestaubte Designer-Urne, daneben ein Schild: Für die letzte Wohnung ihrer Lieben ist das Beste gerade gut genug. Das gab mir zu denken.
Bestattungsunternehmer: Sie haben einen schmerzlichen Verlust erlitten, mein Herr.
Jonas: Eine Tante.
Bestattungsunternehmer: Oh. Mein tief empfundenes Beileid. Mitten im Leben...
Jonas: Heute rot, morgen tot.
Bestattungsunternehmer: Wie wahr, wie wahr, mein Herr. Rasch tritt der Tod den Menschen an.
Jonas: Rasch ist das treffende Wort. Sie ist aus dem Fenster gesprungen.
Bestattungsunternehmer: Ist ja nicht zu glauben.
Jonas: Wieso? Das kommt vor.
Bestattungsunternehmer: Und wie das vorkommt. Hinten hab ich 11 Fensterstürze liegen, 11, mein Herr, alle von gestern, alle aus dieser Straße.
Jonas: Wie das Leben so spielt.
Bestattungsunternehmer: Sie meinen, der Tod. Tja. Scherz beiseite. Woran dachten Sie? Super Luxus, 1a deluxe?
Jonas: Wissen Sie, ich habe sie ja kaum gekannt, wie das so ist.
Bestattungsunternehmer: Ich verstehe, mein Herr, schlicht und gediegen. Raum ist in der kleinsten Hütte, nicht wahr? Wenn ich Ihnen unsere beliebte Grundausstattung zeigen darf.
Jonas: Ein ander Mal. Geben Sie mir Ihre Preisliste. Ich melde mich.
Jonas: Die Telefonzelle an der Ecke war kaputt. Die Telefonzellen in der Südstadt sind immer kaputt. Schließlich fand ich eine, die funktionierte. Die Kaputtmacher mußten sie vergessen haben. Ich rief die Polizeidirektion Südstadt an.
PoPo1: Ja?
Jonas: Ich brauch ne Auskunft. Über `nen Selbstmord.
PoPo1: Was Sie nicht sagen. In der Südstadt. Fenstersturz.
Jonas: Ja.
PoPo1: Ich geb Sie weiter.
PoPo2: PoPo. Sie wünschen.
Jonas: Wie war das?
PoPo2: Wie war was?
Jonas: Wie haben Sie sich gemeldet?
PoPo2: PoPo. Populationspolizei.
Jonas: Oh, falsch verbunden.
PoPo2: Glaub ich nicht, Freundchen. Was wollen Sie?
Jonas: Ein angeblicher Selbstmordfall. Sind Sie dafür zuständig?
PoPo2: Wir sind immer zuständig, Freundchen.
Jonas: Wenn Sie meinen. Also, Adrian Delgado, Nummer 15 B 27 09 1939.
PoPo2: Ja und?
Jonas: Eindeutiger Selbstmord oder.
PoPo2: Oder was? Natürlich Selbstmord. Ganz klar. Wer sind Sie?
Jonas: Kein Zweifel? Keine Verdachtsmomente?
PoPo2: Wer sind Sie? Von wo sprechen Sie?
Jonas: Was meinst du, Sam?
Sam: Die Affäre, der Hochwürden zur Zeit ihre Energie widmen, gibt ein Odeur ab, welches als wenig erfreulicher als unangenehm zu bezeichnen ich mich nicht enthalten kann.
Jonas: Noch mal, Sam.
Sam: Genosse, die Sache stinkt zum Himmel.
Jonas: Du sagst es, Sammy.
Jonas: Sam hatte ich natürlich bei mir. Das heißt, nicht den großen Terminal, der steht fest im Büro, sondern Sam zwo. Sam zwo ist eine drahtlose Extension, ein Kästchen, das bequem in jede Tasche paßt und seine Energie aus Batterien bezieht. Ansonsten ist der Sam zwo derselbe Sam wie die große Nummer eins. Bißchen verrückt, eine mächtige Klappe, und viel dahinter.
Sam: Wenn Sie mir den Vorschlag gestatten, Sir, es wäre ratsam, diesen Ort auf schnellstem Wege zu verlassen. Ohne Zweifel dürfte man bei der Populationspolizei bereits fieberhaft damit beschäftigt sein, das Telefonat zurückzuverfolgen.
Jonas: Eigentlich wollte ich noch schnell Judith anrufen.
Sam: Kannst du zuhause machen. Hau endlich ab, Mensch, sonst kriegen sie uns am... am... am Kragen, o Herr, o Meister.
Jonas: Hast ja recht, Sammy. Rikscha!
Jonas: Daß ich mir `ne Rikscha leistete, brachte nicht viel ein. Ich mußte trotzdem fast den ganzen Weg nach Hause laufen. Ein Pechtag. Die Kusbekische Befreiungsfront hatte in meinem Viertel was in die Luft gesprengt, ein Konsulat oder Kulturzentrum, und die Terrorpolizei sperrte weiträumig ab, wie sie das nennt. Eine interessante Technik. Bombenleger fängt man dadurch nicht, aber das Publikum merkt wenigstens, daß die Freunde und Helfer sich Mühe geben. Als ich nach Hause kam, war es schon dunkel.
Judith: Ich hab den ganzen Nachmittag versucht, Sie anzurufen, Jonas.
Jonas: Ich war unterwegs. In Ihrer Angelegenheit.
Judith: Haben Sie was erreicht?
Jonas: Ein bißchen. Besuchen Sie mich, dann erzähle ich es Ihnen.
Judith: Später, Jonas, wenn Sie den Fall abgeschlossen haben.
Jonas: Was ist mit dem Code?
Judith: Es war nicht ganz leicht, aber ich habe ihn. Schreiben Sie mit.
Jonas: Mit der Codezahl kam Sam ohne Probleme in die geheime Selbstmordstatistik der Südstadt. Und was er da entdeckte, war schon seltsam. Wenn auch nicht gerade eine Überraschung, nach allem, was ich heute mitgekriegt hatte.
Sam: Die Selbstmordrate der Südstadt für den 13. März liegt allgemein um 217 % über dem Durchschnitt. Selbstmord durch Sturz aus dem Fenster bzw. von einem hochgelegenen Standort: 489 % über Durchschnitt.
Jonas: Zufall?
Sam: Zufälliges Ergebnis, Wahna, seien gänzlich undenkbar. Wahrscheinlichkeit dafür liegen bei 0,00.
Jonas: OK. Sammy, OK OK, sei mal `nen Moment still. Ich muß nachdenken.
Sam: Zum Nachdenken dürfte bei aller Bescheidenheit meine geringe Person weitaus geeigneter sein als ihro Durchlaucht.
Jonas: Du sollst still sein, habe ich gesagt.
Sam: Durchlaucht schaden sich selbst, aber wie Durchlaucht wünschen. Ein Computer gehorcht und schweigt. Wie das Grab. Nichts sagen, nicht fragen, und nur nicht verzagen. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Nur in der Stille reift ein großer Geist.
Jonas: Ich hab’s.
Sam: Wird schon was rechtes sein.
Jonas: Hör auf zu Mosern, Sam, tu lieber was.
Sam: Und was befehlen Eminenz?
Jonas: Gib mir die durchschnittliche Persönlichkeitsstruktur von allen, die gestern in der Südstadt aus dem Fenster gesprungen sind.
Sam: Bitte sehr. Piep. Männlich und weiblich. Über 55 Jahre. Allein lebend. Keine feste Beziehung. Keine zeitweilige Partnerschaft. Keine Gruppe. Keine Kinder. Wohnraumklasse zwischen 15 und 25 qm.
Jonas: Eben Südstadt. Millionäre wohnen da nicht.
Sam: Wünschen Monsignore Einzelheiten? Hobbys, bevorzugte Videos, Biorhythmen und so weiter?
Jonas: Nicht nötig, Sammy.
Sam: Wie Sie wollen. Sie sind der Boss. Sag ich also nichts zum persönlichen Hygienefaktor.
Jonas: Hygienefaktor? Na klar! Was ist mit dem Hygienefaktor?
Sam: Um 67, 74 % über dem Durchschnitt. Interessant, Sahib?
Jonas: Aber ja. Und jetzt suchst du mir.
Sam: Derrick Kracau, 29. Straße, Nummer 5, Aufgang C, Apartment 142.
Jonas: Wer ist das?
Sam: Na wer schon, Meister? Ein Mensch, welcher sich jeglicher Merkmale vorbenannter Persönlichkeitsstruktur erfreut, jedoch, und das ist, wenn Sie mir den Kalauer verzeihen, der springende Punkt, nicht durch einen Sprung aus dem Fenster seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Das war es ja wohl, was Eminenz wollten.
Jonas: Ja aber ich hab doch noch gar nichts gesagt!
Sam: Sam nur armer kleiner Computer, Massa, aber Sam denken unheimlich schnell.
Jonas: Wundere dich nicht, wenn du eines schönen Tages in der Schrottmühle landest.
Sam: Zu Befehl. Nicht wundern. Fahren wir in die Südstadt, Majestät?
Jonas: Morgen früh, Sam. Klapp das Bett raus.
Sam: Gesegnete Ruhe, eure Heiligkeit. Guten Abend, gute Nacht, mit Rosen beda-hacht...
Jonas: Derrick Kracau trug einen Nostalgie-Ha***nitt a la Punk, das neueste an Körperfarben und ansonsten nicht viel, abgesehen von zahllosen Kettchen an Hals, Armen, Beinen und um seine unübersehbar 60jährige Taille. Er duftete nach allen Estern des Orients, und verströmte soviel Charme wie ein gesprungenes Bidet.
Kracau: O, je früher der Morgen, desto schöner die Gäste. Sagen Sie nichts. Lassen Sie mich raten. Sie sammeln für die St. John-Lennon-Kapelle. Nein? Sie verkaufen illegale Holos? Auch nicht? Dann sind Sie vielleicht ein böser böser Räuber, hmh, und wollen mir unaussprechlich gräßliche Dinge antun, hmh?
Jonas: Seh ich so aus?
Kracau: Nicht? Schade.
Jonas: Wenn ich richtig informiert bin, Herr Kracau, sind Sie vorgestern von einer unserer Vertreterinnen aufgesucht worden.
Kracau: Vorgestern? Ach Sie meinen dieses schnippische Weibstück mit der kostenlosen Probetube Zahncreme. Dentomed oder wie das Zeug heißt.
Jonas: Ganz recht, Herr Kracau, haben Sie die Zahnpasta inzwischen benutzt?
Kracau: Ich bitte Sie. Meine Beißerchen scheuere ich mich Diospecial. Nur mit Diospecial. Seit Jahren. Da werd ich doch nicht von heute auf morgen mir nichts dir nichts auf irgendeine neue vulgäre Marke umsteigen.
Jonas: Ihr Glück. Haben Sie die Probe noch?
Kracau: Moment. Muß hier irgendwo sein. Hat sich versteckt das freche Ding. Ja, hier haben wir’s. Hier.
Jonas: Danke. Ich muß die Tube einziehen, Herr Kracau.
Kracau: Aber aber. Geschenkt ist geschenkt. Wiederholen ist gestohlen.
Jonas: Unsere Marketing-Group hat einen kleinen Fehler gemacht. Das Produkt ist noch nicht endgültig freigegeben. Nebenwirkungen, Sie verstehen, Kontraindikationen. Wir müssen noch eine Testreihe durchführen.
Kracau: O Gott O Gott, da wären mir womöglich die Beißerchen ausgefallen, wenn ich das Zeug genommen hätte.
Jonas: Womöglich, aber es ist ja nichts p***ert. Putzen Sie sich weiter die Zähne mit Diospecial, Herr Kracau, kaufen Sie sich ein paar neue Kettchen, und vergessen Sie ab und zu Ihren Geburtstag, das hält frisch.
Kracau: Oh!
Jonas: Dentomed, Sam.
Sam: Piep. Eine Firma beziehungsweise eine Warenmarke dieses Namens ist weder im Handelsregister noch in einer anderen in Frage kommenden Datei eingetragen, Milord.
Jonas: Dachte ich mir.
Jonas: Jetzt brauchte ich einen Wissenschaftler. Nebenwirkungen, Kontraindikationen, Testreihen, das sagt sich leicht. Die praktische Anwendung war schon schwieriger. Zu schwierig für einen einfachen Privatdetektiv. Auch Sam war da überfragt. Ausnahmsweise. Dr. Prosper war ein Star an der Uni gewesen, bis sie ihn gefeuert hatten, um den Nobelpreis zu kriegen soll er Forschungsergebnisse gefälscht haben. Er selbst behauptet, ein Konkurrent habe ihn reingelegt. Früher hatte Dr. Prosper am Markgrafenboulevard gewohnt, jetzt hauste er draußen im Osten, in einer Gegend, die sogar die Bürgermeisterin als Slum bezeichnen konnte, ohne rot zu werden. Er hatte sich ein kleines Labor eingerichtet, und tat für Geld alles. Fast alles.
Dr. Prosper: Erst... erst mal das Wichtigste. 2... 200 Euros. In bar. Und im Voraus.
Jonas: 100. 50 jetzt, 50 wenn Sie fertig sind.
Dr. Prosper: Geben... Geben Sie her. Was... was soll ich tun?
Jonas: Sehen Sie sich das hier mal ein bißchen näher an.
Dr. Prosper: Zahnpasta. Warum... warum gehen Sie nicht zu Warentest oder zum... zum Konsumentenbund?
Jonas: Wollen Sie sich 100 Euros verdienen oder nicht?
Jonas: Er wirkte nervös. Seine wasserblauen Augen schwammen ängstlich hinter dicken Brillengläsern. Wie Picassofische im Aquarium. Vielleicht hatte er eine Vorahnung. Vielleicht hatte er auch bloß nicht ausgeschlafen. Aber Jonas ist ein harter Bursche. Ohne mit der Wimper zu zucken, nimmt er Babys den Schnuller weg. Einen vergammelten Doktor bei der Stange zu halten, ist für ihn ein Kinderspiel.
Dr. Prosper: Irgendwas... irgendwas krumm an der Sache?
Jonas: Und noch 20 drauf, weil Sie’s sind.
Dr. Prosper: OK. Gift?
Jonas: So was ähnliches. Kennen Sie ein Psychopharmakon, das zu Selbstmord führt?
Dr. Prosper: Eine... eine Suiziddroge?
Jonas: Eine Droge, die Menschen dazu bringt, aus dem Fenster zu springen.
Dr. Prosper: Möglicherweise ein...ein Salzsäurederivat. Und so was soll da drin sein?
Jonas: Würde mich nicht überraschen. Stellen Sie’s fest. Morgen früh um 9 komm ich wieder.
Dr. Prosper: Viel zu kurz.
Jonas: 120 Euros.
Dr. Prosper: Unmöglich.
Jonas: Und seien Sie vorsichtig. Lassen Sie die Tube nicht offen rumliegen.
Dr. Prosper: Wo versteckt der weise Mann ein Blatt?
Jonas: Keine Ahnung. Also bis morgen, Dr. Prosper. Es war mir ein Vergnügen.
Dr. Prosper: Sie mich auch, Jonas.
Jonas: Am nächsten Morgen pünktlich um 9 stand ich wieder vor der Tür. Ich klingelte. Ich klopfte. Nichts rührte sich. Ich gab der Tür einen kleinen Tritt. Sie ging auf. Dahinter lag ein Chaos, das gestern noch ein Labor gewesen war. Splitter, Scherben, zerschlagene Käfige, tote Ratten. Und ein toter Mann, der gestern noch Dr. Prosper gewesen war.
Jonas: Erstochen. Mit seinem eigenen Skalpell. Und dann haben die Mörder Kleinholz gemacht.
Sam: Dreimal dürfen Hoheit raten, was sie gesucht haben. Die Frage ist: Konnte Dr. Prosper die Tube Zahnpasta so geschickt verbergen, daß es den Mördern nicht gelang, sie zu finden?
Jonas: Das ist die Frage, Sammy. Du sagst es. Ich seh sie nicht.
Sam: Wo versteckt der weise Mann ein Blatt?
Jonas: Du bist auf dem falschen Dampfer, Sam. Wir suchen kein Blatt, wir suchen Zahnpasta.
Sam: Schon des Öfteren hatte euer bescheidener Diener Gelegenheit, festzustellen, daß die literarische Bildung euer Durchlaucht sich als recht lückenhaft erweist, sofern es sich nicht um Autoren wie Hammett, Chandler, Macdonald etc. handelt. Was ich soeben sagte, wobei ich lediglich wiederholte, was Dr. Prosper gestern Ihnen gegenüber äußerte, ist ein Zitat. Ein Zitat aus einer Kurzgeschichte des antiken Detektivschriftstellers Gilbert Keith Chesterton.
Jonas: Kenn ich nicht.
Sam: Wo versteckt der weise Mann ein Blatt, fragt eine Figur, und die Antwort lautet: Im Walde.
Jonas: Ja und?
Sam: Wo versteckt der weise Mann eine Tube Zahnpasta?
Jonas: In der Waschnische.
Sam: Na bitte, es geht doch, wenn euer Wohlgeboren Ihr Hirn ein wenig strapazieren.
Jonas: Und hier, hier ist sie, die Tube. Ein bißchen zerdrückt, in einem schmutzigen Glas, neben einer zerfaserten Zahnbürste.
Sam: Durchlaucht werden mir darin zustimmen, daß es Dr. Prosper vor seinem unzeitigen Tod nicht vergönnt war, die von Durchlaucht gewünschte Untersuchung vorzunehmen.
Jonas: Sieht nicht so aus. Und was machen wir jetzt?
Jonas: Ich sah aus dem offenen Fenster. Es hatte angefangen zu regnen. Ein grau-gelber Himmel hing über der Stadt, wie das Fell einer ertrunkenen Siamkatze. Schöner Satz, nicht? Direkt aus dem Poesiealbum des Privatdetektivs.
Jonas: Also eins steht fest: Wir können das Zeug nicht testen.
Sam: Einerseits sehe ich mich gezwungen, euer Gnaden darin rechtzugeben. Andererseits jedoch...
Jonas: Sammy, du hast ne Idee?
Sam: Schallt nicht, o großer Vorsitzender, aus jener Ecke ein gewisses Quieken an mein elektronisch Ohr?
Jonas: Eine von Prospers Ratten. Im Käfig. Unter dem Bett. Die Kerle haben sie übersehen.
Sam: Zweifellos, Milord. Besagtes Übersehen eröffnet uns die Möglichkeit, wenn auch nicht zu einem Test im streng wissenschaftlichen Sinne, so doch zu einer gewissen informellen Überprüfung und, wie zu vermuten, Bestätigung unseres Verdachts.
Jonas: Moment mal, Sammy. Du meinst, ich soll der Ratte die Zähne putzen?
Sam: In aller Bescheidenheit, Sahib, es wäre ausreichend, dem Tier die verdächtige Zahncreme durch Maul und Speiseröhre in den Verdauungstrakt zu praktizieren.
Jonas: Ja Ja Ja Ja Ja Ja Ja. Ich... ich will dir was verraten, Sammy, ich... ich ekle mich vor Ratten.
Sam: 1984.
Jonas: 1984? Da war ich 16, und hab mich auch schon vor Ratten geekelt.
Sam: Eine literarische Reminiszenz, o großer Bruder.
Jonas: Denk an die Schrottmühle, Sammy.
Sam: Alles klar, Käpt'n, also los.
Jonas: Wenn es unbedingt sein muß. Na, komm, Tierchen, komm. Komm, sieh mal, leckere Zahnpasta.
Jonas: Einer Ratte Zahnpasta eintrichtern, das macht Jonas mit der linken Hand. Die rechte braucht er nämlich, um dem Vieh das Maul aufzuhalten. Wie gesagt, Jonas ist ein harter Bursche. Wenden Sie sich vertrauensvoll an ihn, wenn Sie ausgefallene zoologische Probleme haben. Kamel durchs Nadelöhr? Kleinigkeit.
Jonas: Uaäh, das wär’s.
Sam: Der näheren physiologischen und, wenn man so sagen darf, psychosomatischen Verwandtschaft mit *** sapiens wegen, wäre ein Hausschwein ohne Frage ein weit geeigneteres Versuchstier, o Herr und Meister. Da uns ein solches jedoch nicht zur Verfügung steht.
Jonas: Ein Schwein? Warum nicht? 100.000 Euros auf dem schwarzen Markt, oder wir klauen eins aus dem Zoo.
Sam: Das, großer Lehrmeister und Steuermann, dürfte unnötig sein. Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das Verhalten unserer Ratte richten wollten.
Jonas: Das Vieh dreht durch. Rennt hin und her wie angestochen. Schmeißt sich gegen das Gitter.
Sam: Steh nicht rum, Mensch, stell den Käfig aufs Fensterbrett. Mach die Schiebetür auf. Sofern meine demütigen Anregungen euer Majestät genehm sind.
Jonas: Sie ist aus dem Fenster gesprungen!
Sam: Quod erat demonstrandum, domine.
Jonas: Also wirklich eine Selbstmorddroge. Verschwinden wir, Sammy.
Sam: Im Prinzip ja, Chef. Mein juristisches Programm unter besonderer Berücksichtigung legaler Probleme im privatdetektivischen Bereich weist jedoch darauf hin, euer Ehren, daß am Schauplatz eines Verbrechens, in Sonderheit eines Kapitalverbrechens, gewisse gesetzlich vorgeschriebene Pflichten nicht umgangen werden sollten.
Jonas: Die Polizei? Meinst du wirklich, wir sollten sie rufen?
PoPo2: Nicht mehr nötig, Freundchen.
PoPo1: Wir sind schon da.
PoPo 2: Sagte der Hase zum Schwinegel.
Jonas: Zwei Kleiderschränke in den geschmackvollen schwarz-roten Uniformen der PoPo m***ierten ins Zimmer, und fingen an, Pingpong zu spielen, mit mir als Ball. Und das meine ich nicht nur bildlich.
PoPo1: Hände übern Kopf.
PoPo2: Sie sollten sich schämen. So eine Unordnung. Wie sieht denn das aus?
PoPo1: Da liegt `ne Leiche, Chef.
PoPo2: Aber aber das geht nun wirklich zu weit.
Jonas: Lassen Sie mich erklären.
PoPo2: Lassen wir ihn, Bo?
PoPo1: Ich weiß nicht, warum eigentlich?
Jonas: Hören Sie.
PoPo2: Schnauze. Sieh mal nach, was er in der Tasche hat, Bo.
PoPo1: Keine Waffe, Chef, bloß ne Computerextension und ne Brieftasche, 180 Euros.
PoPo2: Besser als gar nichts. Her damit.
PoPo1: Rentenkarte, Ausweis.
PoPo2: Willst du den Herrn nicht vorstellen, Bo?
PoPo1: Jonas heißt er.
PoPo2: Und?
PoPo1: Nichts und. Nur Jonas.
PoPo2: Ach, schlicht und sparsam.
PoPo1: Ja, und von Beruf ist er, na so was, Privatdetektiv.
PoPo2: Privatdetektiv. So so. Was machen Sie hier?
Jonas: Ich warte. Auf Godot.
PoPo2: Auf wen?
Jonas: Godot.
PoPo2: Nie gehört. Bo, kennst du einen Typ, der Godot heißt?
PoPo1: Kenn ich nicht, Chef.
PoPo2: OK, stell den Fernseher an, Bo.
Sportreporter: Und jetzt, meine Damen und Herren, geht er vorbei, der Großgewachsene...
PoPo2: Lauter Bo.
Sportreporter: ...in der roten Ecke, löst sich aus dieser...
PoPo2: Halt ihn fest, Bo. So mein Freund, Jonas, Privatdetektiv. Schnüffler.
Sportreporter: ...durch die Deckung hindurch... ein ungeheurer Haken, auf die Kinnspitze, taumelt zurück, in die blaue Ecke, ist schon fast am Boden, da setzt er noch einmal nach, schon wieder und noch einmal, und das ist das Ende, Pluto liegt nur noch in den Seilen, jetzt rutscht er ab, ein gezielter Tritt in den Unterleib, da liegt Musik drin, liebe Sportsfreunde, und der Gong: der Kampf ist aus.
Jonas: Ich war Tarzan, und hüpfte im Urwald von Ast zu Ast. Ich brüllte den Kriegsschrei der großen Menschenaffen, und zertrat alle Bullen der Welt unter meinen Spreizfüßen. Ich war der Größte, und Judith sah bewundernd zu mir auf. Wenn mir nur der Kopf nicht so wehgetan hätte.
Wärter: Er kommt zu sich, Frau Professor.
Frau Prof. Caligari: Gut so. Gehen Sie vor die Tür.
Jonas: Es ist eine dumme Frage, ich weiß. Jeder stellt sie, wenn er was auf die Birne gekriegt hat. Und wenn die kleinen grauen Zellen wieder anfangen, sich zu drehen. Aber ich will’s wirklich wissen: Wo bin ich?
Frau Prof. Caligari: Im Zentralkrankenhaus. In der geschlossenen Abteilung.
Jonas: In der Klapsmühle.
Frau Prof. Caligari: Wenn Sie sich so ausdrücken wollen.
Jonas: Warum bin ich ans Bett gefesselt?
Frau Prof. Caligari: Zu Ihrem eigenen Besten. Sie sind krank. Sie könnten sich etwas antun.
Jonas: Aus dem Fenster springen, zum Beispiel.
Frau Prof. Caligari: Zum Beispiel.
Jonas: Sie trug einen weißen Kittel und die Aura selbstverständlicher Autorität. Ihre Augen waren klar und kalt wie zwei Eiszapfen am Nordpol. Sie musterten mich, als ob ich eine mäßig interessante Leiche auf dem Seziertisch sei. Und das war ich ja wohl auch. Oder so gut wie.
Jonas: Wer sind Sie?
Frau Prof. Caligari: Professor Caligari.
Jonas: Sind Sie Chefärztin oder so was?
Frau Prof. Caligari: Man hat mich geholt. Sie sind ein besonderer Fall, Jonas. Mein Fall. Sie leiden unter gefährlichen Halluzinationen.
Jonas: Was Sie nicht sagen.
Frau Prof. Caligari: Sie bilden sich ein, daß vor drei Tagen in der Südstadt einer Anzahl von Personen ohne ihr Wissen eine Droge zugespielt wurde, die sie gegen ihren Willen zum Selbstmord veranlaßte.
Jonas: Verrückte Idee, nicht wahr?
Frau Prof. Caligari: Wir mußten Sie stoppen, ehe Sie im Verlauf ihrer Nachforschungen weitere, noch gefährlichere Wahnvorstellungen entwickelten.
Jonas: Zum Beispiel?
Frau Prof. Caligari: Daß es sich beim Geschehen in der Südstadt um einen groß angelegten Feldversuch gehandelt habe, geplant und durchgeführt von einer streng geheimen Organisation, die wir ZIP nennen könnten: Zentralinstitut für Populationsforschung. Daß ZIP unterstützt und finanziert von der Wirtschaft und von der hohen Politik nur zu dem einen Zweck etabliert worden sei, das große Problem unserer Zeit, die Überbevölkerung, in den Griff zu bekommen. Daß ZIP als eine mögliche Lösung des Problems eine Selbstmorddroge entwickelt und auf einem leicht zugänglichen, nach allen Regeln der Marketing-Analyse präparierten Testmarkt erprobt habe. Die notwendige Vorstufe zu einer weit umfassenderen, womöglich globalen Anwendung des Produkts.
Jonas: Was haben Sie mit mir vor?
Frau Prof. Caligari: Allem Anschein nach ist Ihre Krankheit unheilbar. Aber ich bin überzeugt, daß ich eine, wie soll ich sagen, angemessene Therapie gefunden habe. Wir müssen verhindern, daß Sie mit Ihren fixen Ideen Unruhe in die Öffentlichkeit tragen und die hypothetische Arbeit des hypothetischen Instituts stören. Das werden Sie einsehen. Leben Sie wohl, Jonas. Verzeihen Sie, ich wollte nicht zynisch sein.
Jonas: Ich kam mir vor, als habe man mich zum zweiten Mal zusammengeschlagen. Selbstmorddroge. Feldversuch. Testmarkt. ZIP. Frau Professor Caligari. Das war ein bißchen viel auf einmal. Der Wärter kam und brachte mir ein Tablett mit Essen. Er band mich los, vorsichtig, mit einer Hand. In der anderen hielt er eine entsicherte Pistole.
Wärter: Keine krummen Touren. Ich steh direkt vor der Tür. Mit meiner Kanone.
Jonas: Und das Fenster?
Wärter: Sehr komisch. Guten Appetit.
Jonas: Sam? Sammy?
Sam: Hier bin ich, o Herr und Meister.
Jonas: Wo, Sam, wo bist du?
Sam: Im Schrank, Chef. Mit ihren übrigen Sachen. Es wäre angebracht, daß Durchlaucht Ihren Diener baldmöglichst befreiten. Zwecks gemeinsamer Delibration.
Jonas: Moment. Wuah. Noch 'n bißchen groggy. So. Sammy, Sammy, wie kommen wir hier raus?
Sam: Würden Magnifizenz die Güte haben, aus dem Fenster zu blicken?
Jonas: Wenn du meinst. Unmöglich, Sam. Wir sind im 20. Stock. Mindestens. Da kann keiner runter klettern.
Sam: Ich dachte auch weniger an Klettern, o Sahib, eher an Springen.
Jonas: Bist du verrückt?
Sam: Das wissen Hoheit doch. In diesem Falle allerdings.
Jonas: Das Essen.
Sam: Ohne jeden Zweifel. Wissen wir nicht, spätestens seit dem zugegeben kruden Test an Dr. Prospers Ratte, daß die Selbstmorddroge oral zugeführt wird?
Jonas: Eine angemessene Therapie, hat sie gesagt.
Sam: Exzellenz sollten die Erwartungen der Dame nicht enttäuschen.
Jonas: Meinst du im Ernst, ich soll aus dem Fenster springen, Sam?
Sam: Gewissermaßen indirekt, erhabener Monarch. Wenn ich meine Vorstellungen erläutern dürfte.
Jonas: Sam sagte mir genau, was ich tun sollte, und ich tat es. Aaaah!
Wärter: Na bitte. Oh!
Sam: Eine ausgezeichnete Performance, euer Lordschaft.
Jonas: Natürlich war ich nicht aus dem Fenster gesprungen. Ich stand auf dem Außensims, klammerte mich mit den Zehen fest. Und als der Wärter seinen häßlich-en Ballon raussteckte, kriegte er was ins Genick. Mit meinem eisenbeschlagenen Schuh. Er schlug lang hin und blieb liegen. Für längere Zeit außer Gefecht, vielleicht für immer. Von mir aus, ich würde deshalb nicht schlechter schlafen. Ich zog seine weiße Uniform an. In der Tasche fand ich seinen Identi-Disk. Kein Problem, damit durch die gesicherten Türen ins Freie zu kommen. Zuhause goß ich mir als erstes einen großen Whiskey ein, Magen hin, Magen her. Ich traf bestimmte Vorkehrungen, zusammen mit Sam, und ich wartete. Der Anruf kam am Abend, 5 Minuten vor 8.
Jonas: Ja?
Frau Prof. Caligari: Ich spreche Ihnen meinen Glückwunsch aus, Jonas. Sie haben sich mit Geschick und Entschlossenheit Ihrer Therapie entzogen. Sie sind ein Mann von erheblichen Fähigkeiten. Könnten Sie sich vorstellen, in einer Organisation wie ZIP, falls es sie gäbe, einen Posten zu übernehmen?
Jonas: Reden Sie Klartext, Frau Professor. ZIP existiert, und ZIP arbeitet mit Methoden, die mir nicht gefallen.
Frau Prof. Caligari: Bitte, Jonas, lassen Sie kleinkarierte Moralbegriffe aus dem Spiel. Bleiben Sie nüchtern. Betrachten Sie unsere Organisation mit wissenschaftlicher Objektivität. Sie kennen das Problem. Jeder kennt es. Spätestens seit dem Einsetzen der permanenten Krise vor gut 30 Jahren. Fortschritt in der Biologie führt zu mehr Nahrungsmitteln, Fortschritt in der Medizin führt zur Verlängerung des Lebens, Fortschritt in der Technik führt zur Automatisierung. Die Folgen: immer weniger Arbeit, immer mehr Menschen, immer weniger Raum. Wie gesagt, das Problem ist seit langem bekannt. Aber wir haben erst jetzt gewagt, die Lösung ins Auge zu fassen. Die einzig mögliche Lösung.
Jonas: Und die wäre?
Frau Prof. Caligari: Ganz einfach: Die quantitative Verminderung des menschlichen Faktors.
Jonas: Also Mord. Massenmord. Danke, nichts für Jonas.
Frau Prof. Caligari: Schade. In diesem Fall sehen wir uns gezwungen, Ihre Behandlung bis zum ursprünglich vorgesehenen Ende fortzusetzen.
Jonas: Das habe ich erwartet. Ich habe Gegenmaßnahmen eingeleitet.
Frau Prof. Caligari: Was wollen Sie denn tun? Zur Polizei gehen, zu den Medien, zum Staatspräsidenten? Versuchen Sie’s.
Jonas: Alle Informationen über ZIP und ihren sogenannten Feldversuch sind gespeichert. Wenn mir was p***ert, oder wenn es eine neue Selbstmordepidemie geben sollte, in Babylon oder woanders, dann werden diese Informationen in sämtliche Dateien der Erde eingegeben. In öffentliche und in private. 90 Prozent davon werden Sie abwürgen können, mit Ihren Hilfsmitteln, und durch die hohen Herrschaften, die hinter Ihnen stehen, vielleicht auch 99 Prozent, aber 1 Prozent kommt durch. Und das, hochverehrte Frau Professor Caligari, wird Ihnen das Genick brechen.
Frau Prof. Caligari: Erpressung, wie ich sehe.
Jonas: Lassen Sie doch kleinkarierte Moralbegriffe aus dem Spiel.
Frau Prof. Caligari: Was verlangen Sie?
Jonas: Am liebsten würde ich sagen: lösen Sie ZIP auf und springen Sie aus dem Fenster.
Frau Prof. Caligari: So gut ist Ihre Verhandlungsposition nun auch wieder nicht, mein lieber Jonas.
Jonas: Ich weiß. Bleiben wir auf dem Teppich. Sie stellen alle Versuche mit der Selbstmorddroge ein.
Frau Prof. Caligari: Schon geschehen. Die Methode hat sich als zu riskant und vor allem als zu spektakulär erwiesen. Wenn uns schon ein kleiner Privatdetektiv auf die Schliche kommt.
Jonas: Ein mieser Schnüffler, sagen Sie’s ruhig.
Frau Prof. Caligari: Ist das alles?
Jonas: Noch eine Kleinigkeit. Der Tod von Adrian Delgado wird offiziell als Unfall deklariert. Ein Privatdetektiv ist seinen Klienten verpflichtet. Vor allem, wenn sie Judith heißen.
Frau Prof. Caligari: Einverstanden.
Jonas: Das wär’s. Jetzt müßten Sie sagen: Kommen Sie uns nicht noch mal in die Quere.
Frau Prof. Caligari: Bis zum nächsten Mal, Jonas.
Jonas: Ich fühlte mich nicht besonders. Klar, die Sache war soweit abgeschlossen, aber es fehlte was Wichtiges: Die gerechte Strafe für die Schuldigen. Früher soll’s anders gewesen sein. Aber was kann man schon erwarten von unserem verrückten 21. Jahrhundert. Ich fing an, mir leid zu tun, das gefiel mir nicht. Ich rief Judith an.
Judith: Hallo, Jonas.
Jonas: Sie sind `ne reiche Frau, Judith. 100.000 Euros. Von Onkel Adrians Lebensversicherung.
Judith: Sie haben den Fall gelöst?
Jonas: Sieht so aus. Haben Sie was vor heute Abend?
Judith: Nein.
Jonas: Kommen Sie zu mir. Ich erzähle Ihnen dann, wie es abgelaufen ist.
Judith: Wir könnten uns über Marlowe unterhalten, und über Bogie und Hammett und Casablanca.
Jonas: Und antike Videos sehen. In einer halben Stunde?
Judith: In einer halben Stunde, Jonas.
Jonas: Judith, ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.
Sam: Hrm. Wenn ich euer Herrlichkeit ein anderes Zitat zu bedenken geben dürfte: Der Detektiv ist ein Katalysator, kein Casanova. Raymond Chandler.
Jonas: Aber Sammy, ich glaube, du bist eifersüchtig.
Sam: Quatsch.
Jonas: Klapp das Bett raus. Und spiel, Sam. Spiel As Time goes by.
Jonas: Ich bin die letzte Instanz. Wenn Sie ein Problem haben, und nicht weiterkommen, mit der Polizei und so, dann wenden Sie sich an mich. Ich kann Ihnen wahrscheinlich auch nicht helfen, aber Sie haben ein besseres Gefühl. Vielleicht springen sogar 100.000 Euros für Sie raus. Und das ist doch was, oder?
Das war: Testmarkt. Eine Folge aus der Science-Fiction-Krimiserie Der letzte Detektiv von Michael Koser. Den Detektiv Jonas sprach Bodo Primus. Sein Supercomputer Sam war Joachim Wichmann. Es wirkten außerdem mit: Karin Anselm, Renate Grosser, Jenny Thelen, Paul Bürks, Gernot Duda, Dieter Eppler, Wolfried Lier und andere (Franjo Marincic, Gerd Rubenbauer, Wolf Goldan). Ton und Technik: Günter Heß und Christine Koller. Aufnahmeleitung: Reiner Kositz. Regie: Heiner Schmidt. Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks (1984). Redaktion: Dieter H***blatt und Erwin Weigel.
Sorël
Donnerstag, 28. August 2025 01:34
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ich einen Kredit über 9.000 €
Hallo, ich schreibe Ihnen, um Ihnen mitzuteilen, was diese großzügige Frau mir angetan hat, nachdem ich von so vielen ***ischen Kreditgebern betrogen worden war. Ich glaubte nicht mehr an Kredite, da alle Banken meinen Antrag abgelehnt hatten; tatsächlich war ich bei meiner Bank registriert. Doch eines Tages empfahl mir eine Nichte, die als Finanzberaterin bei einer Bank arbeitet, einen bestimmten Kreditgeber, dessen E-Mail-Adresse sie mir gab: welschsusane@gmail.com.
Ich versuchte mein Glück bei Frau Susanne Welsch, indem ich ihr eine E-Mail schickte, und es funktionierte. Ich bekam die Chance, auf die ich jahrelang gewartet hatte. Innerhalb von drei Tagen erhielt ich einen Kredit über 9.000 €, mit dem ich mein Geschäft wieder auf Kurs bringen und für meine Familie sorgen konnte. Ich kann sie jedem wärmstens empfehlen, der Hilfe braucht.
Ihre E-Mail-Adresse: welschsusane@gmail.com
Maryse Biernaux
Donnerstag, 28. August 2025 01:33
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Kredite
Sie stecken in finanziellen Schwierigkeiten und sind bei den Banken nicht beliebt. Oder noch besser: Sie haben ein Projekt und benötigen eine Finanzierung, Ihre Bonität ist schlecht, Sie benötigen Geld, um Ihre Rechnungen zu bezahlen oder in Ihr Unternehmen zu investieren.
Wenn Sie also einen Kredit benötigen, kontaktieren Sie mich gerne, um mehr über meine Konditionen zu erfahren. Sie erreichen mich unter d.marysebiernaux@gmail.com.
Frank
Donnerstag, 28. August 2025 01:32 | Essen
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Ich kann Herrn Henry Vandenschrick für alle Ihre K
Ich kann Herrn Henry Vandenschrick für alle Ihre Kreditbedürfnisse wärmstens empfehlen. Ich hätte es kaum geglaubt, aber dank seines CC SA-Service (Kreditberatung SA) habe ich dank eines Kredits von 40.000 EUR, der mir zur Schuldenbefreiung meiner Firma gewährt wurde, mein Lächeln wiedergefunden. Er ist sehr professionell und geht sehr aufmerksam auf Ihre Bedürfnisse ein. henryvanderschrick@gmail.com
Sonja
Donnerstag, 28. August 2025 01:30 | Salzbourg
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
habe ich mich heute entschlossen
Nachdem mir diese Dame bei meiner Kreditsuche geholfen hatte, habe ich mich heute entschlossen, meine Erfahrungen mit ihr zu teilen. Sie war meine Rettung, und ich weiß wirklich nicht, was ich mit ihr anfangen soll. Ich habe einen Kredit über 35.000 Euro mit einem Zinssatz von 2,4 % und ohne Komplikationen erhalten. Sie können sie kontaktieren, um schnellstmöglich Ihre Zufriedenheit zu gewährleisten. Ich bestätige Ihnen hiermit, dass Sie sich bei Bedarf an Frau Aline SANCHEZ wenden sollten. Ich habe auch mit mehreren meiner Freunde gesprochen, die ebenfalls problemlos Kredite von ihr erhalten haben, da ihre Konditionen unkompliziert und sehr vorteilhaft sind. Wenn Sie aus persönlichen Gründen einen Kredit benötigen, wenden Sie sich bitte an sie, und Sie werden zufrieden sein. Ich hinterlasse Ihnen die Adresse, an die Sie Ihre Anfragen richten können.
E-Mail: sanalinechez@gmail.com
Tatjana
Donnerstag, 28. August 2025 01:28 | Munich
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Heutzutage ist es schwierig, einen seriösen Kredit
Heutzutage ist es schwierig, einen seriösen Kredit zu finden, da es im Internet viele ***eien gibt. Durch Zufall bin ich auf diesen Mann gestoßen, der mir bei der Beschaffung eines Kredits von 20.000 EUR sehr geholfen hat. Ich gebe zu, dass ich zunächst zögerte, diesem Vorschlag nachzukommen, aber schließlich wurde mir klar, dass er es wirklich ernst meinte und gutherzig war. Ich empfehle Ihnen dringend, ihn bei allen Kreditfragen zu kontaktieren. Er ist unter ericm***iebert@gmail.com erreichbar.
Tanja
Donnerstag, 28. August 2025 01:26 | Wien
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Dank ihr konnte ich wieder auf die Beine kommen un
Hallo, ihr Lieben,
Ich wurde mehrmals betrogen, weil ich einen zuverlässigen Peer-to-Peer-Kredit suchte. Endlich fand ich diese freundliche Frau, die mir mit dem Kredit half, den ich mir schon seit Jahren wünschte. Dank ihr konnte ich wieder auf die Beine kommen und mein Geschäft ausbauen.
Ich empfehle Maryse Biernaux auch für alle Ihre finanziellen Probleme. Kontaktieren Sie sie per E-Mail: marysebiernaux@gmail.com – Sie werden zufrieden sein.